Hallöchen,
ich soll für die Schule herausfinden wie in Coburg mit der NS-Zeit umgegangen wurde und aufgearbeitet wurde. Ich habe dazu schon einen Eintrag gefunden, würde mich aber trotzdem freuen, wenn jemand zu detailierteren Antworten bereit wäre.
Dankeschön im Voraus

24.08.2026 16:39
Das war alles am Gymnasium (Albertinum) zu jener Zeit nicht anders. Die Geschichtsbücher wurden ab 1933 merkwürdig "kurz angebunden".
Und der 2. Weltkrieg begann lt. Buch durch "den Überfall Polens auf den Sender Gleiwitz".
21.08.2026 19:58
Iich bin gebürtiger Coburger (Jahrgang 1965), habe bis 1989 in der Stadt gelebt und wohne seitdem in Griechenland. Ich arbeite derzeit an einer privaten Chronik über meine Jugendjahre in Coburg und kann dir aus erster Hand berichten, wie das Thema Aufarbeitung in den 1970er und 1980er Jahren im Alltag tatsächlich aussah:Ich habe zwischen 1971 und 1980 die Rückertschule besucht (teilweise waren unsere Klassen damals auch in der Lutherschule untergebracht). Zum Thema schulische Aufarbeitung kann ich nur sagen: Sie existierte praktisch nicht. Weder im Geschichtsunterricht noch in irgendeinem anderen Fach haben wir jemals substanziell etwas über den Ersten oder Zweiten Weltkrieg, die NS-Zeit oder den Holocaust gelernt.Ich habe mein gesamtes Schulmaterial aus dieser Zeit in Kartons aufbewahrt und vor Kurzem gesichtet. Das Einzige, was dort jemals einen regionalen Bezug zur Geschichte hatte, war der Aufenthalt von Martin Luther auf der Veste Coburg. Coburgs eigene, sehr spezifische Rolle in der NS-Zeit (als frühe Hochburg der Nationalsozialisten) wurde im Unterricht konsequent totgeschwiegen. Alles, was ich damals über den Holocaust oder den Krieg wusste, stammte ausschließlich aus den Erzählungen meiner Eltern, Onkel und Tanten oder aus dem Fernsehen – aber definitiv nicht aus der Schule.In der Gesellschaft herrschte damals eine seltsame, beklemmende Tabuisierung. Sobald man als Kind auch nur das Wort „Jude“ in den Mund nahm, wurde man von Erwachsenen sofort mit einem scharfen, bösen Blick gemaßregelt. Man lernte früh, dass dieses Thema mit Angst besetzt war und man besser nicht daran rührte. Von Begriffen wie „Kollektivschuld“ oder einer aktiven Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe ich bis zu meinem 18. Lebensjahr im Coburger Alltag absolut nichts mitbekommen. Es interessierte schlicht niemanden, und die braune Vergangenheit wurde im städtischen Mikrokosmos komplett verdrängt.Und trotzdem gab es auf der anderen Seite ein großes Paradoxon: Wir Kinder hatten untereinander überhaupt keine Tabus. Wir nutzten im Alltag ganz unbeschwert Begriffe, die heute völlig verpönt oder illegal wären. Ob das nun „Mohrenkopfbrötchen“, „Zigeunerschnitzel“ oder die kleinen roten Minifeuerwerkskörper waren, die wir damals ganz platt „Judenfürze“ nannten – wir dachten uns einfach absolut nichts dabei. Warum sollten wir auch? Wer hätte uns denn damals bitteschön aufklären sollen? Das System hat geschwiegen, und wir wuchsen in dieser unaufgeklärten, naiven Tabulosigkeit der Straße auf. Vielleicht war das bei anderen Familien anders – bei uns im Viertel war es genau so.Für deine Schularbeit ist das vielleicht ein sehr wichtiger Aspekt: Aufarbeitung fand in Coburg über Jahrzehnte hinweg vor allem durch Verschweigen, Verdrängen und ein großes kollektives Schweigen statt.Beste Grüße aus Griechenland und viel Erfolg für die Schularbeit!
25.10.2017 15:15
Hallo hilly ,ich weiß nicht wie aktuell das Thema für Dich noch ist, obwohl, dieses Thema wird leider immer aktuell bleiben...schau Mal im Bundesarchiv unter Deportationen/Coburg. .. die Aufarbeitung in Coburg war kaum vorhanden. Ein anderes heisses Thema- Zwangsarisierungen. Mein Thread "Unmittelbare Nachkriegszeit in Coburg". Habe mittlerweile viel herausgefunden und helfe gerne weiter..
12.11.2016 17:32
Hallo Stammbus,

danke für die Antwort! Ja das Buch steht schon zu Hause, da werde ich sicherlich einen Blick hineinwerfen.
Ansonsten habe ich von der Schule nichts detailliertes bekommen...aber meiner Fragen wären so:
Wurde in Coburg nach dem Ende des 2.Weltkriegs genauso wie in anderen Städten über die Regimezeit geschwiegen?
Wie wurde gerade mit dem Fakt umgegangen, dass Coburg als erstes nationalsozialistisch wurde?
Wurde in den 60'gern und 70'gern das Thema dann besser aufgearbeitet bzw. wann wurde damit begonnen?
und als letztes wie halt heute damit umgegangen wird?
nebensächliche Frage: Wie kann man denn auf meinen Blog aufmerksam machen?
04.11.2016 19:41
Hallo Hilly,
der Blog wird offenbar kaum beachtet (auch nicht von mir), durch Zufall bin ich darauf gestoßen.
Es ist zu diesem Thema in den letzten Jahren zahlreiche Literatur entstanden, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann. Und die Aufarbeitung ist bisher sehr unvollständig, daher wurde ja gerade von der Stadt eine Historikerkommission eingesetzt, die die wissenschaftliche Aufarbeitung koordinieren soll.
Die Literatur ist in der Stadtbücherei sicherlich einsehbar. Z.B. "Die Coburger Juden" von Fromm.
Einträge gibt es hier sicherlich mehr als einen. Suche vor allem mal unter "Cobuger Geschichte".
Ohne konkrete Fragen kann man natürlich nicht detailliert antworten.
Beste Grüße
Stammbus