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Dieses Thema hat 8 Antworten
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 Coburger Geschichte
Christian Offline



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06.02.2009 09:48
Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten
Vielen dürfte unbekannt sein, dass einst in Coburg ein Stück Automobilgeschichte geschrieben wurde. Gemeint ist jetzt nicht die Firma Brose und deren Erfindung der Zentralverriegelung, sondern es soll in diesem Artikel um ein Unternehmen gehen, welches völlig in Vergessenheit geraten ist. Bei dieser Firma handelt es sich um die Maschinenfabrik Flocken, in der das erste Elektroauto der Welt konstruiert wurde! Vor allem der Firmengründer Andreas Flocken war ein findiger Kopf, der sich durch seine bahnbrechenden Ideen auszeichnete. Alles begann 1880, als Flocken ein Baugrundstück in der Callenberger Straße (heute Haus Nr. 15) erwarb, um dort eine landwirtschaftliche Maschinenbaufabrik errichten zu können, welche bereits ein Jahr später in Betrieb ging. Anscheinend fanden seine Fabrikate einen guten Absatz, denn bereits 1885 vergrößerte er sein Unternehmen. Er kaufte vom Zimmermeister Erhard Göhring eine Dampfsägemühle mit dazugehörigem Wohnhaus im sogenannten Schleifgässchen. Der Gebäudekomplex befand sich genau gegenüber seiner Maschinenbaufabrik und trägt heute die Adresse Callenberger Straße 12 und 14 (gegenwärtig Zoogeschäft Babel). Im Jahre 1888 gliederte er seiner Fabrik eine Abteilung für Elektrotechnik an. Fortan experimentierte er mit Elektrofahrzeugen und versah einen „hochrädigen, eisenbereiften Kutschwagen“ mit einem Elektromotor. Dessen Kraft wurde über Lederriemen auf die Hinderachse übertragen. In der Coburger Zeitung vom 28. September 1888 hieß dazu: „In der Werkstätte für landwirtschaftliche Maschinen des Herrn Flocken hier steht eine Dampf-Chaise in Arbeit. Dieselbe hat dieselbe Spurweite wie jedes andere Gefährt, ist einfacher und practisch construirt und dürfte nach Fertigstellung großes Interesse aller Geschirrbesitzer hervorrufen.“ Diesen Fakten waren jahrelang unbekannt. Erst 2002 veröffentlichte der Autor Halwart Schrader in seinem Buch „Deutsche Autos 1886-1920, Band 1“ die Geschichte des, wie er schreibt „vermutlich ersten Elektromobil der Welt“. Diesem Elektrowagen folgten noch weitere, wovon noch zwei Fotos zeugen. Hier zeigt sich noch eine weitere bedeutende Erfindung Flockens. So befanden sich im Wagen zwei Hebel, mit denen Fahrer und Beifahrer lenken konnten. Diese Hebel waren mit einer Spurstange verbunden. Schlägt man die Internetlexika nach, so stellt man fest, das Flocken auch als der Erfinder der Spurstange vermutet wird. Das Patent soll er später an Henry Ford verkauft haben. Ferner weist Schrader auf die elektrischen Scheinwerfer des Flocken´schen Wagens hin, die er als ein „Novum“ bezeichnet. Die einschlägige Literatur dazu erwähnt, dass im Jahre 1903 der Wagenbau ein Ende gefunden habe. Doch Andreas Flocken hatte sich noch weitere Standbeine geschaffen. 1890 trat er als Mitpächter der städtischen Schleifmühle auf. Diese befand sich in der Nähe seiner Fabrik, auf dem Gelände der heutigen Firma Sagasser, und wurde 1975 abgerissen. Flocken betrieb darin eine Dynamomaschine, die er aber auch selber herstellte. Ab 1895 stellte er vermehrt Anträge an die Stadt Coburg bezüglich des Baus von elektrischen Leitungen u.a. zum nahe gelegenen Bahnhofshotel „Excelsior“. Die Anträge
wurden aber zum Teil abgelehnt. Flockens Ziel war es augenscheinlich in den Energiemarkt einzusteigen. Dies scheiterte jedoch als 1898 das Städtische Gaswerk Coburg die Firma Flocken verklagte, da diese ihre hergestellte Energie an Dritte verkaufte. Das Gericht verbot daraufhin dem Unternehmer einen weiteren Verkauf. Vermutlich deshalb wendete sich Flocken einem neuen Geschäftsbereich zu. So kaufte er im Jahre 1900 die Wiesenmühle in Neuses bei Coburg, wo er eine Eisengießerei einrichtete. Die Mühle im heutigen Röstenweg fungiert gegenwärtig als Sägewerk. Als 1903 Andreas Flocken das Anwesen Kreuzwehrstraße 26a kauft und dort einzieht, bekommt das Gebäude sogar als eines der ersten Privathäuser Coburgs einen eigenen Telefonanschluss. Zwei Jahre später wird eine separate Telefonleitung zwischen dem Betrieb und dem Privathaus Flockens gelegt. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs trat Andreas Flocken 1908 in den wohlverdienten Ruhestand und die Leitung des Unternehmens übernahm sein Sohn Robert, der bereits seit 1896 als Mitinhaber fungierte. Robert Flocken war von Beruf Ingenieur und Elektrotechniker und sollte so das Werk seines Vaters fortsetzen. Augenscheinlich gelang ihm das nicht. So wurde 1909 das Sägewerk durch eine Feuersbrunst zerstört und die Anlage danach nicht wieder in Betrieb genommen. Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich schließlich das Unternehmen im Besitz von Alfred Axthelm aus Neustadt bei Coburg, der nur noch die Landmaschinenfabrik weiterführte. Dieses Ende erlebte Andreas Flocken nicht mehr. Er starb am 25. April 1913 in seinem Haus in Neuses bei Coburg, wo er 1908 hingezogen war. Die Firma selbst existierte noch bis Anfang der 1930er Jahre hinein. Im Adressbuch von 1931 hat sich noch eine Werbung erhalten, wo die Firma Flocken den Verkauf von Autos und Motorrädern anpreist. Die schweren wirtschaftlichen Verhältnisse der 1920er und 1930er Jahre haben wohl auch hier dieses bedeutende Coburger Unternehmen untergehen lassen.

Anmerkung:
Flockens Fabrikgebäude in der Callenberger Straße 15 wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, im April 1945, durch Artilleriebeschuss zerstört. Es wurde danach nur noch notdürftig wieder aufgebaut.

Bildquellen: Aktuelle Fotos Christian Boseckert (2008); ansonsten Neue Presse Coburg
Bild 1: Andreas Flocken mit Ehefrau auf einem seiner Elektrowagen
Bild 2 und 3: Die Firmengebäude der Maschinenfabrik Flocken in der Callenberger Straße
Bild 4: Flockens Wohnhaus in der Kreuzwehrstraße
Angefügte Bilder:
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 Flocken.jpg  Callenberger Straße 15.jpg  Callenberger Straße 12 und 14.jpg  Kreuzwehrstraße 26&26a.jpg 
gerd Offline



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06.02.2009 17:26
#2 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten

Christian,war dieser Flocken ein gebürtiger Coburger?

Stefan Offline




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06.02.2009 17:33
#3 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten

Christian,

mal wieder "Hut ab" für den Beitrag.

Auf die Anträge, die du erwähnst, bin ich bei meinen Recherchen zum "Excelsior" im Stadtarchiv gestoßen. Wilhelm Schumann hat hier auch einen Antrag gestellt.

Christian Offline



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06.02.2009 17:41
#4 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten

Flocken war kein gebürtiger Coburger. Er zog erst um 1879 nach Coburg. Vorher findet sich in den Adressbüchern kein Eintrag über ihn.

Stefan Offline




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06.02.2009 18:45
#5 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten

Im übrigen,
Andreas Flocken erwarb 1905 auch ein Elektrizitätswerk in Redwitz. Dieses wurde von dem Maschinisten und Monteur Franz Oswald Hässelbarth aus Debschwitz bei Gera geleitet. Das Werk betrieb in einer ehemaligen Mahlmühle eine Dynamomaschine, angetrieben durch Wasserräder an der Rodach.
Ab 1911 wird als Eigentümer Adolf Mittmann genannt, geboren 1866 in Breslau, verheiratet mit Anna Elisabeth Flocken und bis 1910 in Schöneberg bei Berlin wohnhaft.

gerd Offline



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06.02.2009 18:52
#6 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten

Ich hab irgendwie den Eindruck,das damals eine Zuwanderung nach Coburg bestand.Ob das auf den Krieg von 1870/71 zurück zu führen war?Die "Gründerzeit" damals trug sicher dazu bei,das es überall aufwärts ging.Die Franzosen mußten ja für den verlorenen Krieg auch noch kräftig ans neue Deutsche Reich zahlen.Wenn man Firmengründungsjahre sieht,fanden viele in der Zeitspanne ab ca.1870-1900 statt!
Die Zeit,das viele Leute wegen materieller Nachteile,auch durch Hunger, Deutschland in Richtung Amerika verliesen, waren doch damals vorbei!Oder?

Christian Offline



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06.02.2009 19:12
#7 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten

Dazu muss man weiter ausholen Gerd. Es ist richtig das viele Menschen von dem wirtschaftlichen Aufschwung nach 1873 profitiert haben. Dieser Aufschwung war sogar noch stärker als das "Wirtschaftswunder" der 1950er Jahre. Es entwickelte sich die Mittelschicht und das Bildungsbürgertum daraus. Allerdings haben wir da noch die Arbeiterklasse, die Lehren von Marx und Engels die gerade auf dem Markt waren und der Aufstieg der deutschen Sozialdemokratie. Die Arbeitsbedingungen (jetzt beispielsweise in den großen Fabriken) waren noch denkbar schlecht. Es gab noch keine Arbeitsschutzgesetze usw. und eine soziale Absicherung wurde erst durch Bismarck eingeführt. Der soziale Aufstieg war damals auch durch die notwendigen finanziellen Mittel verbunden, die viele Arbeiter nicht hatten. Deshalb gab es auch weiterhin Auswanderungsbewegungen Richtung USA. Nicht zulletzt entstand beim Kriegsausbruch 1914 das Gefühl "der Einheit des Volkes", das nun keine Klassen und Schichten mehr trennt. Wir in Coburg haben das nicht so gemerkt, da wir immer schon eher eine Beamtenstadt waren. In Gotha zum Beispiel war dies ganz anderes. Hier gab es auch 1918 die einzig wirkliche Revolution auf Thüringer Gebiet.

gerd Offline



Beiträge: 4.376
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06.02.2009 19:53
#8 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten
Das ist richtig Christian!-Und die Verhältnisse zwischen Gotha und Coburg waren ja gegensätzlich.Da hat Jürgen Erdmann in seinem Buch:"Coburg,Bayern und das Reich" Stellung zu genommen.
Trotzdem gab es radikale Anfänge auch hier bei uns.-Erinnert sei nur an den "Blutsonnabend von Coburg",die Zeit der Hochspannung vom 23.Oktober bis zum 9.November 1923, wo der "Grenzschutz Nordbayern" in Erscheinung trat.Auch wenn wir damals schon "eingemeindet" waren.
Christian Offline



Beiträge: 5.620
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07.02.2009 10:54
#9 RE: Als Coburg Automobilgeschichte schrieb (Beitrag vom 06.02.2009) Zitat · antworten

Ich habe jetzt mal ein Seminar zum Thema "Weimarer Republik" besucht. Man muss diese Republik in der weise betrachten, dass diese Zeit von einem Kampf zwischen Tradition und Moderne geprägt war. Am Besten sieht man dies an der Stellung der Frau in der Weimarer Republik. Die Frau trug plötzlich kurze Haare (Bubikopf), kürzere Röcke usw. und wurde emanzipierter. Das war natürlich über die Traditionalisten eine Katastrophe. Man malte schließlich ein Horrorszenario aus, wo der Untergang der Familie und der Untergang des ganzen Volkes (wegen der geringeren Geburtenrate( im Mittelpunktht stand. Solche Kämpfe finden sich in jedem Gesellschaftsbereich, sei es in der Politik oder in der Wirtschaft. Eine gute Dokumentation hat das ZDF über die Weimarer Republik gesendet. Ich gebe mal hier den link
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/618900?inPopup=true

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