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Dieses Thema hat 1 Antworten
und wurde 389 mal aufgerufen
 Coburger Geschichte
Christian Offline



Beiträge: 5.795
Punkte: 5.989

31.03.2014 20:10
Der Rausch der Geschwindigkeit Zitat · antworten

Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts waren von einem großen Interesse der Bevölkerung nach modernen Fortbewegungsmitteln geprägt. Konstrukteure wie Graf Zeppelin und die Gebrüder Wright förderten durch ihre Erfolge diesen Rausch nach Geschwindigkeit, der sich zu Land, zu Wasser zu zur Luft manifestierte. Dem technischen Fortschritt aufgeschlossen, war man auch in Coburg. Gerade das Jahr 1913 zeigt deutlich, wie stark die Bürger und die politisch Verantwortlichen an der Weiterentwicklung des Verkehrs interessiert waren.

Zunächst ging es um den Ausbau der Wasserstraßen. Seit 1906 liefen die Planungen für den Werra-Main-Kanal, der auch durch das Coburger Land führen sollte. Der Kanal sollte vor allem den durch die Industrialisierung gestiegenen Güterverkehr kostengünstig aufnehmen. Am 25. Februar 1913 traf sich der Große Ausschuss des Zentral-Vereins für deutsche Binnenschifffahrt im Coburger Bahnhofshotel Excelsior um über ein Tunnelprojekt zur Überwindung des Thüringer Waldes, der Energiegewinnung beim Betrieb des Kanals und über die militärische Bedeutung der Wasserstraße, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, zu reden. Über die Linienführung herrschte damals noch Uneinigkeit. Das Projekt war jedoch in aller Munde. So initiierte die Coburger Turngenossenschaft zu Fasching 1912 in den Hofgaststätten an der Mohrenstraße das erste Coburger Hafenfest, an denen mehr als 1000 „Seeleute“ teilnahmen. Aus heutiger Sicht ist jedoch festzustellen, dass der Kanal vorrangig einem Ziel diente: Den schnelleren Transport von Güterwaren und militärischem Gerät zwischen Nord- und Süddeutschland. Es standen also militärstrategische und ökonomische Erwägungen im Raum.

Thema in diesem Jahr war auch der weitere Ausbau des Eisenbahnnetzes. Am 3. April tauchten Pläne für die Fortführung der seit 1892 bestehenden Bahnstrecke Coburg-Rodach nach Bad Königshofen und von dort über Bad Neustadt a. d. Saale nach Gemünden und Frankfurt am Main auf. Dies hätte eine wesentliche Verringerung der Reisezeit in Richtung Westen bedeutet. Dabei wären nämlich die Umwege über Bamberg, Schweinfurt und Würzburg umgangen worden.

Ein weiteres Projekt, an welchem die Bevölkerung Anteil nahm, war die Ausbreitung des Luftverkehrs. Es kam bis 1913 immer wieder vor, dass Zeppeline über Coburg fuhren. Bei solchen Ereignissen herrschte unter der Einwohnerschaft immer Aufregung und zahlreiche Schaulustige starrten zum Himmel um das Verkehrsmittel der Zukunft zu sehen. Es ist darum folgerichtig, dass im Juli 1913 auch daran gedacht wurde in Coburg eine Luftschiffsbauwerft zu eröffnen. Die Werft sollte auf dem Gelände der heutigen Eigenheimstraße entstehen. Zu den Planungen gehörte auch die Errichtung eines Luftschiffhafens auf der Brandensteinsebene. Die Reaktion der Coburger ließ darauf nicht lange warten. Noch im gleichen Jahr erschien eine Ansichtskarte mit dem Titel „Coburg im Jahre 2000“, auf welcher ein Zeppelin-Haltepunkt auf dem Plattenäcker in kurioser Weise dargestellt wurde. Doch die Luftschiffe waren zu jenem Zeitpunkt bereits überholt. Das Luftschiff galt bereits als aus der Mode gekommen und dem Flugzeug gehörte ausschließlich die Zukunft. Dazu gehörte auch die hohe Unfallanfälligkeit des Verkehrsmittels. So gaben die Behörden auch beispielsweise den Plan eines Landeplatzes für Parseval-Luftschiffe auf einer Wiese bei Finkenau, südlich von Coburg, am Jahresende wieder auf. Dagegen konnte am 6. August 1913 im Beisein von 15.000 Besuchern der Flugstützpunkt Coburg mit einem Flugtag eingerichtet werden. Es war der Gründungsakt für den heutigen Flugplatz Brandensteinsebene, der seinerzeit zum dritten Flugzeugstützpunkt im Deutschen Reich avancierte.

Diese Verkehrsprojekte belegen den ungeheuren Fortschrittsglauben, welcher in diesen Jahren herrschte. Die Technik, so die Vorstellung, sollte die sozialen Probleme lösen, Kriege verhindern und allen ein besseres Leben bereiten. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich das der damalige Coburger Landesherr, Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha, sich massiv für diese Projekte einsetzte. An der Eröffnung des Flugplatzes war der flugbegeisterte Monarch sogar persönlich anwesend. Doch bereits ein Jahr später endete der Traum von einer, dank der Technik, positiven Welt auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Keines der hier vorgestellten Projekte (mit Ausnahme des Flugplatzes) erfuhr jemals eine Realisierung.

Dieser von mir verfasste Aufsatz findet sich auch in den Coburger Geschichtsblättern, Ausgabe 2013 mit wissenschaftlichen Apparat versehen wieder.

Rolf Metzner Offline




Beiträge: 1.654
Punkte: 1.674

02.04.2014 17:08
#2 RE: Der Rausch der Geschwindigkeit Zitat · antworten

Zwei kleine Illustrationen hierzu:

Zeppelin 1913 über Morizkiche:Zeppelin über Coburg 1913.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)Flugfest 1913 auf Brandensteinsebene: Flughalle, 1913.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)


Im Raum Coburg gab es mehrere Ankerplätze (Notlandeplätze) für Luftschiffe.Notankerplatz Zeppelin.JPG - Bild entfernt (keine Rechte)
Ein derartiger Zeppelin-Ankerplatz sah etwa so aus (dies ist kein Anker aus dem Coburger Raum):

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