RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#41 von Stammbus , 21.05.2015 20:59

Weißt Du denn, was der Stadtrat unter "wissenschaftlicher Aufarbeitung" versteht?

Und das 70 Jahre nach Ende der Naziherrschaft. Bei der DDR hat man sich diese Zeit nicht gelassen. Was wiederum deutlich macht, auf welchem Auge man blind ist.

Die Sympathie für meine Heimatstadt hat heute einen ernsthaften Knacks bekommen.

Ein dickes Kompliment für den Vorstand des Vereins "Initiative Stadtmuseum" für den sehr guten Brief an Tessmer und Stoschek.

Peinlich dagegen die bestellten Jubelperser aus dem Hause Brose.

Stammbus  
Stammbus
Beiträge: 1.647
Punkte: 1.737
Registriert am: 13.11.2008


RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#42 von Christian , 21.05.2015 21:24

Das es so spät ist, wundert mich kaum. Hubertus Habel hat in seiner Doktorarbeit die Historiographische Entwicklung Coburgs nach 1945 aufgearbeitet. Da orientierte man sich an den "Langer-Doktrin". Die gingen ungefähr so: Bis 1920 gab es Geschichte in Coburg danach nicht mehr. Einige verkörperten dieses Geschichtsbild noch bis in die Gegenwart. Zu der Frage was unter "wissenschaftlicher Aufarbeitung" verstanden wird? Wir werden sehen. Es sollte aber jedem klar sein, dass die Vorgehensweise - wie bei Schöllgen oder Sandner - keine Fußnoten zu verwenden, nicht hilfreich sein wird. Und sollte man an der verantwortlichen Stelle doch der Meinung sein, in dieser Weise zu verfahren, kenne ich genug Historiker ,die das dann bewerten und selber beginn zu forschen. So wird das auch in der Causa Brose weitergehen . Hier ist das letzte Wort auch noch nicht gesprochen.

Christian  
Christian
Beiträge: 6.396
Punkte: 6.658
Registriert am: 03.12.2004


RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#43 von Stammbus , 21.05.2015 21:56

Zitat von Christian im Beitrag #42
Das es so spät ist, wundert mich kaum.


Das gilt ja nicht nur, aber insbesondere für Coburg.

Stammbus  
Stammbus
Beiträge: 1.647
Punkte: 1.737
Registriert am: 13.11.2008


RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#44 von Christian , 22.05.2015 13:53

Der Historiker Prof. Dr. Norbert Frei (Universität Jena) hat gestern einen vielbeachteten Vortrag über die Entwicklung der Vergangenheitsbewältigung bezüglich des Nationalsozialismus gehalten. Er nennt vier Stufen: 1. Die direkte Entnazifizierung, 2. Verheimlichung/Vertuschung/Verharmlosung, 3. Aufarbeitung der Problematik auf Druck großer Gesellschaftsteile, 4. Erinnerungsfindung.

Auf Coburg angesprochen, kam die Antwort, dass die Stadt gerade von Stufe 2 auf Stufe 3 übergesprungen ist. Im deutschlandweiten Vergleich befindet sich Coburg damit auf dem Aufbearbeitungsstand der Jahre 1960-65! Anders formuliert: Coburg liegt 50 Jahre mit seiner Aufarbeitung hinterher.

Christian  
Christian
Beiträge: 6.396
Punkte: 6.658
Registriert am: 03.12.2004


RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#45 von Stammbus , 22.05.2015 15:24

Na ja, es sind ein paar Jahre weniger, denn in Stufe 3 ist auch noch einiges zu tun.

Was mich vielmehr wundert, ist, dass bestimmte Kreise, die sich gerne darüber aufregen, dass sie von Politikern belogen werden, von anderen "Eliten" der Gesellschaft sich schamlos belügen lassen und diese auch noch bewundern. Und das konnte man in Coburg in den vergangenen Wochen wieder sehr deutlich und überschaubar erleben, z.B. in Leserbriefen auf den Websites der Tagespresse oder in einem anderen sich zur "Heimat" bekennenden Internet-Forum.


Stammbus  
Stammbus
Beiträge: 1.647
Punkte: 1.737
Registriert am: 13.11.2008

zuletzt bearbeitet 22.05.2015 | Top

RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#46 von Rolf Metzner , 22.05.2015 16:12

Mich würde gar nicht wundern, wenn es demnächst eine "Michael-Stoschek-" oder gar "Max-Brose-Stiftung" gäbe, die finanziell großzügig eine wissenschaftliche Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Coburgs unterstützen würde.
Als Ziel dieser "wissenschaftlichen Aufarbeitung" könnte vom Sponsor definiert werden: "qualifizierte Rückkehr in Stufe 2" (Verheimlichung/Vertuschung/Verharmlosung)!


 
Rolf Metzner
Beiträge: 1.880
Punkte: 1.900
Registriert am: 29.03.2011

zuletzt bearbeitet 22.05.2015 | Top

RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#47 von Stammbus , 22.05.2015 16:17

Vermutlich meint so mancher Coburger, die Vergangenheit sei dadurch bewältigt, indem das früher an prominenter Stelle unübersehbar befindliche Grab von Franz Schwede auf dem Friedhof am Glockenberg inzwischen aufgelassen wurde.

Stammbus  
Stammbus
Beiträge: 1.647
Punkte: 1.737
Registriert am: 13.11.2008


RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#48 von Christian , 22.05.2015 17:48

Zu den Besorgnissen, dass diese wissenschaftliche, unabhängige Aufarbeitung im Sande verlaufen könnte, kann ich nur sagen: Es gibt ein dutzend Historiker, die sich für dieses Thema interessieren und Forschung betreiben. Diese Arbeiten stehen dann im wissenschaftlichen Diskurs. Siehe die Beispiele Schöllgen und Sandner. Die Arbeiten beider Autoren wurden von der Wissenschaft abgelehnt. In ersterem Fall führt das jetzt dazu, dass sich unabhängige Historiker mit dem Thema beschäftigen. Nicht anders wird es sein, wenn die Aufarbeitung auf verkehrte Wege kommt.

Und dass es in diesem Fall auch virtueller Stammtischparolen gibt, ist nicht ungewöhnlich. Diese Personen nehmen ja auch nicht am wissenschaftlichen Diskurs teil.

Christian  
Christian
Beiträge: 6.396
Punkte: 6.658
Registriert am: 03.12.2004


RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#49 von Stammbus , 23.05.2015 18:23

Zitat von Christian im Beitrag #48

Und dass es in diesem Fall auch virtueller Stammtischparolen gibt, ist nicht ungewöhnlich. Diese Personen nehmen ja auch nicht am wissenschaftlichen Diskurs teil.


Es gibt auch noch eine dritte Gruppe, die sagt: Jetzt ist die Diskussion geführt, "Schwamm drüber". Die ist noch größer und objektiv auch gefährlicher als die Stammtischparolenbrüder. Es ist auch klar erkennbar, dass Stoschek und Tessmer auf diese Gruppe setzen. Und dass diese Gefahr besteht, kann man auch dem Gastkommentar von Prof. Conze heute auf NP-Online (letzter Absatz) entnehmen http://www.np-coburg.de/meinung/meinung/...rt83488,4099457.

Coburg nennt sich zwar seit ein paar Jahren Hochschulstadt, ist aber keine Stadt, in der Wissenschaft, noch dazu kritische, einen besonderen Stellenwert hat.

Ich habe allerdings aus der Ferne den Eindruck, dass beide Coburger Tageszeitungen (die ich nur online und ohne Bezahlt-Zugang verfolge) den Kritikern des Beschlusses gut Raum gegeben haben. Das war nicht immer so bei solchen Diskussionen, wenn ich an früher denke. Und lässt erkennen, welche Qualität es gerade heute noch hat, wenn es zumal in einer kleineren Stadt noch zwei Tageszeitungen gibt. Das ist sehr selten geworden.

Ich behaupte mal: Es gibt nur wenige Städte in Deutschland, in denen ein solcher Stadtratsbeschluss möglich gewesen wäre. Auch konservativ geführte Städte wie Münster benennen Hindenburgstraßen um. In der Stadt Oldenburg, auch ein ehemaliges Großherzogtum und Hochburg des Nationalsozialismus (das Land Oldenburg war 1932 das erste Land im Deutschen Reich mit NSDAP-Mehrheit) wird diese Diskussion derzeit geführt. Die heutige Benennung einer Straße nach einem Wehrwirtschaftsführer wie in Coburg, noch dazu nach einer jahrelangen Diskussion und mit derart klar erkennbaren ökonomischen Hintergründen, wäre hier undenkbar, wahrscheinlich auch in den 1932/33 tiefbraunen Gebieten nördlich von Oldenburg (Ammerland, Wesermarsch), wo die NSDAP bis zu 80 % erzielte.

Ich hoffe, die (lt. NP von heute) 5.000 Spruchkammerakten im Staatsarchiv sind gut gesichert, auch für den Fall eines Feuers ...


Stammbus  
Stammbus
Beiträge: 1.647
Punkte: 1.737
Registriert am: 13.11.2008

zuletzt bearbeitet 23.05.2015 | Top

RE: Arisierung jüdischen Eigentums in Coburg

#50 von Christian , 23.05.2015 21:02

Naja da sind sie im Falle Brose zu spät dran. Du glaubst gar nicht wie viele Kopien im Umlauf sind.

Christian  
Christian
Beiträge: 6.396
Punkte: 6.658
Registriert am: 03.12.2004


   

Coburger Apothekengeschichte
Häuserabbrüche



Xobor Ein Kostenloses Forum von Xobor.de
Einfach ein Forum erstellen