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 Coburger Geschichte
Christian Offline



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26.12.2017 13:17
„...blieb man hängen, wie an der guten alten Zeit“ Die Coburger Identitätskrise zwischen 1918 und 1922. Zitat · antworten

Der vorliegende Aufsatz stammt aus den Coburger Geschichtsblättern, Jahrgang 2016.

Einleitung
Dieser Aufsatz befasst sich mit der Zeit, die Detlev J. K. Peukert einmal die „Krisenjahre der Klassischen Moderne“ bezeichnete: Die Weimarer Republik. Ein Bundesstaat dieser Weimarer Republik war bis 1920 der Freistaat Coburg, der aus dem Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha entsprang. In jenem Jahr schloss sich dieser nach einer Volksbefragung dem Freistaat Bayern an. Für die Bewohner der einstigen Residenzstadt Coburg muss der Anschluss mit einer Neuformung ihrer Identität einher gegangen sein. Die Heiratspolitik des Herzogshauses, welche fast die gesamte Welt umfasste, machte den Ort international bekannt. Den Namen „Coburg“ trugen u.a. die britische Königin Victoria (1837-1901) oder Leopold I. (1790-1865), der erste König der Belgier. Jetzt, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, stürzte seine Bedeutung zu der einer bayerischen Provinzstadt herab. So muss sich die Krise der Moderne, die auf einer Auseinandersetzung zwischen Bewahrern und Modernisieren beruhte, für Coburg besonders stark ausgewirkt haben. Freilich war der 526 Quadratkilometer große Freistaat finanziell nicht überlebensfähig. Im Zuge des modernen Phänomens der Rationalisierung war sein Anschluss an ein größeres Staatsgebilde notwendig. Doch diese Problematik zeigt deutlich, welche Konfrontationslinien sich in Coburg auftaten. Und diese sollten für die Stadt weitreichende Konsequenzen haben. Im aufkommenden Nationalsozialismus, der erstmalig 1922 in der Person Adolf Hitlers und seiner SA beim „Dritten Deutschen Tag“ in Coburg auftrat, sah man die Lösung des Problems: Die Rückführung zum alten Glanz der Residenzstadt und damit die Überwindung der Moderne, die über die Stadt hereinbrach. War aber die ruhmreiche Vergangenheit Coburgs ihren Bewohnern 1922 wirklich noch so präsent, dass derartige Konflikte ausbrachen und die Bürger ihr Heil im Nationalsozialismus sahen?

Die Arbeit beschreibt zunächst Kontinuitätslinien zwischen der Kaiserzeit und der Weimarer Republik, die hauptsächlich an Personen des kirchlichen und politischen Lebens anknüpfen. Im Kontext dazu wird auf die Entstehung von Kriegervereinen und Wehrbünden im Dunstkreis der völkischen Bewegung Bezug genommen und auf Modernisierungsprozesse eingegangen. Der dabei behandelte Zeitraum liegt zwischen 1918 und 1922. In der Gesamtbetrachtung ist jedoch unerlässlich, einen Blick in das alte Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha zu werfen, das zwischen 1826 und 1918 existierte. Auch ein Ausblick bis 1929, in welchem die Coburger Nationalsozialisten bei der Stadtratswahl erstmals im Deutschen Reich die absolute Mehrheit erhielten, ist Teil dieser Darstellung.

Es gilt dabei zu klären, welchen Einfluss diese Kontinuitäten auf die einfache Bevölkerung besaßen und ob es überhaupt welche gab? Welche Rolle spielte der letzte regierende Herzog Carl Eduard in dieser Entwicklung? Und wie verhalten sich diese Kontinuitäten gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus? Der Aufsatz will belegen, dass gerade diese Würdenträger den Eindruck bei der Coburger Bevölkerung erweckten, dass das alte Herzogtum nie untergegangen sei. Dies stand völlig konträr zur Realität. Je stärker sich die Moderne bemerkbar machte, suchten die Coburger den Ausweg in der Vergangenheit und damit ihre Vertreter, die immer noch gehörigen Einfluss ausübten. Schlussendlich war es das politische Angebot Hitlers, angefangen von der Wiedereinführung der Monarchie bis zum Aufräumen des politischen Chaos in der Weimarer Republik, welche die Coburger schon früh zu Anhängern der Nationalsozialisten machten.

Zur chronologischen Erschließung des Themas ist zunächst eine Beschreibung der sozialen und politischen Verhältnisse in der alten Residenzstadt Coburg vor 1918 nötig, wobei auch auf die Bedeutung der Herzogshauses eingegangen wird. Im zweiten Kapitel werden die Wendepunkte der Coburger Landesgeschichte zwischen 1918 und 1920 beleuchtet. Das dritte Kapitel will indes eine Kontrastierung von alten Machteliten und der neu erwachsenen völkischen Bewegung darstellen. Im letzten Teil kommt es dann zur Konfrontation mit Hitler und seiner Partei und die Auswirkung seiner Machtdarstellung auf die Coburger nach dem Dritten Deutschen Tag von 1922.

Vorgeschichte
Am 19. April 1894 geriet Coburg zum Schauplatz einer Fürstenhochzeit. Die Tochter des Herzogs Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha (1844-1900), Victoria Melita, heiratete Großherzog Ernst-Ludwig von Hessen-Darmstadt. Zu dieser privaten Feier kam die Verwandtschaft des Brautpaares nach Coburg: die britische Königin Victoria, Kaiser Wilhelm II., oder der russische Zar Nikolaus II. Die vermeintlich mächtigsten Personen dieses Planeten versammelten sich in einer kleinen Stadt mit rund 20.000 Einwohnern. Die Coburger Heiratspolitik, deren Ursprünge ins späte 18. Jahrhundert zurückgingen, stand auf ihren Höhepunkt. Die Vestestadt schien für eine kurze Zeit das Zentrum der Welt zu sein. Der Hoffotograf Eduard Uhlenhuth hielt eine Szene fest, in welcher alle Herrscher sich auf einem Familienportrait zusammenfanden und die sich zur Ikone für Anhänger des Herzogshauses entwickelte. Es gelang u. a. dadurch, die Privatfeier zu einem Treffen der mäch-tigsten Personen der Erde zu inszenieren. Die Coburger glaubten dies, denn dass gerade ihre Stadt solch einen hohen Besuch in seinen Mauern aufnehmen würde, machte sie besonders stolz. Doch die Inszenierung zeigte nur noch eine Illusion monarchistischer Macht. Demokratisierungsprozesse schränkten die politische Macht der Könige im Laufe des 19. Jahrhunderts zusehends ein.„Dieser Schimmer fürstlicher Feiern“, so Thomas Niklas, war „denkbar weit von der gesellschaftlichen Realität in den europäischen Staaten entfernt.“ Das hätten die Coburger jedoch wissen müssen. Waren sie doch in einem der ersten deutschen Staaten, in welchem der Landesherr seine Macht in Form einer konstitutionellen Monarchie beschränkte. Die liberale Tradition der Stadt hielten die Zeitgenossen hoch. Augenscheinlich ließ sich die Bevölkerung, wie auch möglicherweise das Herzogshaus selbst, von dieser höfischen Inszenierung blenden und verfiel dadurch in eine andere Wahrnehmung der Realität, die absolutistische Züge trug. Wenn Ereignisse diese Realität erschütterten, versuchten die Coburger krampfhaft ihren Status als besondere Residenzstadt zu bewahren. Dies belegen vor allem Rationalisierungsmaßnahmen, deren Bestandteil u.a. eine Verwaltungsreform gehörte. Bisher waren die Landesbehörden zu gleichen Teilen auf die beiden Residenzstädte Coburg und Gotha aufgeteilt. Der Grund hierfür lag im staatlichen Aufbau des Herzogtums. Es handelte sich nämlich nicht um einen Einheitsstaat, sondern um zwei Territorien (Sachsen-Coburg und Sachsen-Gotha), die lediglich über einen gemeinsamen Landtag, einer Landesregierung und einem Landesherrn verfügten. Der Aufbau glich einer bundesstaatlichen Ordnung mit den Teilländern Coburg und Gotha, die über separate Parlamente und Regierungen verfügten. Nun plante die herzogliche Landesregierung aufgrund der finanziellen Einsparungen eine Zentralisierung der Behörden mit Sitz in Gotha, der größeren der beiden Residenzstädte. Bereits Herzog Ernst II. bemühte sich um diese sogenannte „Realunion“. Dies löste jedoch bei den Coburgern großen Unmut aus und zwang den für den noch unmündigen Herzog Carl Eduard amtierenden Prinzregenten Ernst von Hohenlohe-Langenburg, die weitgreifende Verlagerung von Behörden nach Gotha zu dementieren. Gebracht hat dieser Unmut im Endeffekt allerdings nichts. Die finanziellen Zwänge verlangten einer Zentralisierung der Behörden.

Während des Kaiserreichs entwickelte sich Gotha fortschrittlicher als Coburg. Industriebetriebe siedelten sich hauptsächlich nördlich des Thüringer Waldes an, während es im gesamten Herzogtum Coburg nur acht Handwerksbetriebe gab, die mehr als 50 Personen bei sich beschäftigten. Auch die Residenzstadt war mit 53 gezählten Kleinfabrikanlagen im Jahre 1898 wenig industrialisiert (Es gab lediglich einige Brauereien, kleinere Korbwarenfabriken und wenige Spezialfirmen), so dass die Ausbildung einer Arbeiterschicht nur in Ansätzen gelang. Im Vergleich zu den agrarisch geprägten bayerischen Nachbargebieten war das Herzogtum Coburg allerdings dann doch industrieller geprägt. Zum größten Teil umgeben von einer landwirtschaftlichen Struktur lässt sich Coburg zu Anfang des 20. Jahrhunderts als eine Beamten-, Pensionärs- und bürgerlich geprägten Handwerkerstadt beschreiben. Die politische Einstellung der Bewohner lag am ehesten zwischen bürgerlich liberal, ländlich konservativ und nationalkonservativ, aber kaum sozialdemokratisch oder gar sozialistisch. Bei den Reichstagswahlen im Kaiserreich erhielt der Kandidat der Nationalliberalen meist – mit wenigen Ausnahmen – die Mehrheit des Wahlvolks. Diese Grundstellung spiegelte sich auch im Coburger Landtag und der Stadtverordnetenversammlung samt Magistrat wieder. An der Spitze des Landtages stand seit 1904 der Fabrikant Max Oscar Arnold (1854-1938) aus Neustadt bei Coburg, der dem Gremium bereits seit 1884 als Abgeordneter angehörte. Er war Mitglied der Freisinnigen Volkspartei und nach 1919 deren Nachfolgepartei, der Deutschen Demokratischen Partei. Seine politische Einstellung entsprach allerdings einer Minderheit im Coburger Landtag. In Coburg lenkte seit 1897 der studierte Verwaltungsjurist Gustav Hirschfeld (1857-1938) die Geschicke der Stadt. Hirschfeld selbst stammte aus Kassel und trat 1887 in Coburg als Kämmerer in städtische Dienste ein. Von 1894 bis 1897 fungierte er als Zweiter Bürgermeister. Er gehörte auch dem Coburger Landtag, jedoch keiner politischen Partei an. Beide Personen stehen für Kontinuität im Amt während des Kaiserreiches. Solche Kontinuitäten blieben jedoch keine Selbstverständlichkeit. Besonders in den Positionen des Landrates und des Coburger Staatsrates gab es zu Anfang des 20. Jahrhunderts häufige personelle Wechsel. In manchen Fällen wechselten Personen auch nur ihre Ämter.

Die evangelische Coburger Landeskirche legte dagegen Wert auf Kontinuität. Sie spielte eine große Rolle im öffentlichen Leben. Das kam nicht von ungefähr. So zählte man 1925 einen Anteil von 90% Protestanten an der Gesamtbevölkerung, während die Katholiken mit 7,3% und die Juden mit 1,3% eine Minderheit darstellten. Oberhaupt der Landeskirche war der Herzog (summus episcopus). Ihm zur Seite stand ein Generalsuperintendent. Nachdem das Amt seit 1908 unbesetzt blieb, wählte die Synode der Coburger Landeskirche im Jahre 1920 den Theologen Georg Kükenthal (1864-1955) in diese Position. Er stammte aus Weißenfels (Königreich Sachsen), studierte in Tübingen und Halle, und kam schließlich 1885 nach Coburg, wo er zunächst einige Dorfpfarreien im Umkreis übernahm. Nach der Ernennung zum Oberpfarrer von St. Moritz, wählte man ihn 1914 zum Superintendenten. Kükenthals politische Einstellung ist schwer zu ermitteln. Seine Neigung zu Botanik, Heimatkunde und -pflege lässt ihn am ehesten in der Nähe zivilisationskritischer Strömungen und damit als Fortschrittskritiker vermuten. Auf der anderen Seite stritt er für die liberale theologische Ausrichtung der Landeskirche und stand damit in Opposition zu Herzog Carl Eduard, der eher dem orthodoxen Luthertum den Vorzug gab. Die Kirche selbst unterschied sich in ihrer politischen, monarchistischen Einstellung nicht vom Rest der Bevölkerung. Das trat erst im Zuge der politischen Radikalisierung in Coburg Anfang der 1920er Jahre verstärkt zu tage, als zwei Landpfarrer sich stark in der völkischen Bewegung engagierten.

So blieben die Verhältnisse im Herzogtum viele Jahre unangetastet: Zum einen die offenkundige Verehrung der Coburger Bevölkerung zum Herzogshaus, das für Kontinuität in einer weltweit bedeutenden Residenzstadt stand. Diese Kontinuität wirkte sich teilweise in der Besetzung der öffentlichen Ämter aus. Und zum anderen hielt sich bei dem seit 1900 im Amt befindlichen Herzog Carl Eduard das Bewusstsein, Oberhaupt eines der bedeutendsten Herrschergeschlechter der Welt zu sein, was sich schließlich in der pseudo-absolutistischen Inszenierung des eigenen Hofes widerspiegelte. Auch als der Erste Weltkrieg im August 1914 ausbrach, hielt diese Illusion. Der Krieg fand weit entfernt u.a. in Frankreich und Belgien statt. Die landwirtschaftliche Ausprägung der Coburger Region ließ Hungerkrisen, wie sie in den Kriegsjahren in Deutschland an der Tagesordnung waren, im mildem Licht erscheinen. Die Coburger beschwerten sich eher über die Abgabe von Nahrungsmittel an andere deutsche Staaten. Kritische Stimmen zur allgemeinen politischen Lage im Herzogtum finden sich hauptsächlich im Gothaer Landesteil, welcher sich zu einer Bastion der Sozialisten entwickelt. Hier war man der Realität und der Moderne näher. Umso mehr wurden die Ereignisse des Novembers 1918 zu einem Schock für Herzog und Coburger Stadtbevölkerung. Brach jetzt die Illusion zusammen und die Moderne über Coburg herein?

(Fortsetzung folgt)

Christian Offline



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27.12.2017 18:09
#2 RE: „...blieb man hängen, wie an der guten alten Zeit“ Die Coburger Identitätskrise zwischen 1918 und 1922. Zitat · antworten

Wendejahre – Eine Koalition aus Monarchisten und Modernisten (1918-20)
Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha kam 1884 in Großbritannien als Sohn des Duke of Albany auf die Welt. Er war damit ein Enkel der britischen Königin Victoria und ihres deutschen Gemahls, des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Sein Onkel Alfred starb 1900, dessen Sohn, ebenfalls mit dem Namen Alfred, 1899. Der nächste in der Coburger Thronfolge wäre Carl Eduards Onkel, der Duke of Connaught, gewesen. Er verzichtete jedoch; so fiel die Nachfolge in den Schoß des noch 15jährigen Carl Eduard. Nach einer liberalen britischen Erziehung im Elite-Internat Eton, nahm ihn sein Cousin, Kaiser Wilhelm II., unter seine Fittiche. In Potsdam erhielt er preußischen Schliff und nahm eine nationalistische und konservative Grundhaltung an, die sich auf seinen Regierungsstil auswirkte und die Parallelen zu Wilhelm II. Offenbarte. Die „Gesinnungserziehung“ des jungen Regenten war ein voller Erfolg.

Ebenso wie der Kaiser, verstand Carl Eduard die Ereignisse des Novembers 1918 nicht. Reformen, die eine etwaige Rettung seines Thrones hätten bewirken können, lehnte er ab. Schließlich übernahm am 9. November 1918 in Gotha der Arbeiter- und Soldatenrat die politische Macht, infolgedessen der Herzog für abgesetzt erklärt wurde. In Coburg hingegen blieb es ruhig. An einer radikalen Veränderung der Verhältnisse besaßen die mit dem Herzogshof in der Lebensart verwobenen stark monarchistisch und konservativ eingestellten Honoratioren kein Interesse. Es blieb lediglich bei einer Demonstration am 11. November mit 1000 Teilnehmern auf dem Schlossplatz, die teilweise halb neugierig, halb teilnahmslos, die Veranstaltung verfolgten. Der 9. November 1918, der für einen politischen Umbruch in Deutschland stand, entpuppte sich in Coburg zum Gegenteil. Die Kontinuität der politischen Verhältnisse blieb gewahrt. Zwar bildete sich hier wie auch anderswo in Deutschland ein Arbeiter- und Soldatenrat, doch dieser übernahm nicht die Macht in Stadt und Herzogtum, sondern teilte sich diese mit den bisherigen Machteliten. Weder Oberbürgermeister Hirschfeld noch der damalige Staatsrat, der nationalliberale Politiker und Verwaltungsjurist Hermann Quarck (1873-1932), mussten ihre Ämter aufgeben. Der gebürtige Coburger Quarck stand seit 1914 dem Ministerium seines Landes vor und war zuvor seit 1912 Coburger Landrat und Reichstagsabgeordneter. Die eher konservativ eingestellte SPD fürchtete sich wohl vor chaotischen Zuständen, wenn sie hier radikale Reformen durchgesetzt hätte. Zudem besaß sie von ihrer zahlenmäßigen Größe nicht die Möglichkeit, die alleinige Regierungsgewalt zu übernehmen, wodurch „die aus monarchischen Prinzipien geordnete und in hierarchischen Traditionen erwachsene Verwaltung unter ihren bisherigen Fachleuten“ fast vollständig erhalten blieb. Veränderungen sollten hingegen die für 1919 festgelegten Kommunal- und Landtagswahlen bringen. Man hoffte wohl von Seiten der SPD auf ein Aufbrechen der verkrusteten Strukturen.

Als kontinuierlicher Faktor fungierte auch der Herzog, welcher zusammen mit seiner Ehefrau, „die standesrechtlich erste Stelle in Sachsen-Coburg gegen jene des ersten Bürger von Coburg einzutauschen,“ verstand. Nur mit großem Widerwillen fügte er sich in sein Schicksal. Ähnlich wie König Ludwig III. von Bayern in seiner Anifer Erklärung entband er seine Beamten von dem ihm gegenüber geleisteten Eid. Vielen Beamten, wie Staatsrat Quarck, hielt das nicht von ihrer Loyalität gegenüber dem früheren Landesfürsten ab. Dies war jedoch kein radikaler staatsrechtlicher Schnitt, da er Carl Eduard nicht formell abdankte. Vielmehr entstand der Eindruck, das er weiterhin seine bisherige Position als Landesherr für sich beanspruchte. Auch verzichtete er nicht darauf, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen, sondern er wollte weiterhin für das Wohl seiner Untertanen sorgen, die dies auch gerne honorierten. Er nahm weiterhin aktiv am weiteren öffentlichen Leben teil, so als wäre nichts passiert. Die Illusion schien unter diesen Umständen gewahrt zu bleiben.

Der Erste Weltkrieg löste im Land einen Modernisierungsschub aus, den die politischen und verwaltungstechnischen Strukturen nicht mehr standhielten. Dies stellte nach Ende des Krieges die Existenzberechtigung eines Coburger Staates in Frage. Eine Untersuchung aus dem Juni 1919 stellte nämlich fest, dass es mittelfristig zu einer schweren Finanzkrise käme, wenn man weiter auf Unabhängigkeit bestehen würde. Die Untersuchung stellte für den Staatshaushalt 1920/21 bei einer Gesamtsumme von 7,6 Millionen Reichsmark ein Defizit von rund 60.000 Reichsmark fest, welches ungedeckt blieb. Ein Erhalt der Selbstständigkeit wäre unter diesen Voraussetzungen nicht möglich gewesen. Ähnliche Probleme wiesen auch die anderen thüringischen Kleinstaaten auf. Beispielsweise beliefen sich im Jahre 1905 die Verwaltungsausgaben aller thüringischen Länder auf rund 1,6 Millionen Goldmark, während das ungefähr gleichgroße Großherzogtum Hessen-Darmstadt nur ca. 400.000 Goldmark für seine Verwaltung aufbringen musste. Schon allein deshalb galten diese Kleinstaaten als wenig überlebensfähig. Darum setzte sich schnell die Erkenntnis durch, ein sogenanntes „Groß-Thüringen“ zu schaffen, in welchem alle Kleinstaaten aufgehen sollten. Dafür setzte sich vor allem die thüringische SPD ein. Coburg hielt sich in diesem Fall alle Optionen offen. Es entwickelten sich hier auch Strömungen, die einen Anschluss des Landes an Preußen oder an Bayern präferierten. Trotz einiger gemeinsamer Einrichtungen hegte Preußen kein Interesse an eine Vergrößerung seines Territoriums im süddeutschen Raum. So blieb für Coburg die Wahl zwischen Thüringen und Bayern. Die immer noch herrschende konservative Grundhaltung dort betrachtete mit Skepsis die Einheitsbestrebungen der nördlichen Nachbarn. Dabei spielte die stark sozialistisch gefärbte politische Einstellung in Thüringen ebenso eine Rolle wie die für Coburg empfundene Demütigung, des Umzugs zahlreicher Behörden nach Gotha während der Kaiserzeit. Max Oscar Arnold schrieb dazu: „Die Vereinigung Coburgs mit Gotha hat in über 90 Jahren Gelegenheit genug gegeben, die Verhältnisse in Nord- Thüringen kennenzulernen, und die Erfahrungen, die Coburg mit Gotha gemacht hatte, waren nicht geeignet, diese Zusammengehörigkeit gar noch zu vertiefen.“ Die Verfechter eines Groß-Thüringens hofften dass durch die Landtagswahl in Coburg vom 9. Februar 1919 auch eine eindeutige Grundtendenz pro Einheitsstaat entstehen würde. Doch man täuschte sich. Die Wahlen bestätigten die politische Spaltung des Landes zwischen Reformen und Konservativen. Insgesamt gab es nur zwei Listen: Die SPD welche rund 59% der Stimmen erhielt und eine bürgerliche Einheitsliste, bestehen aus DNVP, DVP und DDP, welche 41% auf sich vereinigen konnte. In Coburg selbst stimmten 51,3% der Wahlberechtigten für die Bürgerlichen. Von den elf Sitzen des Landtages erhielten die Sozialdemokraten sieben und die Einheitsliste vier Abgeordnete. Insgesamt drei Abgeordnete wurden wiedergewählt, darunter Max Oscar Arnold, der jedoch das Amt des Landtagspräsidenten an einen Sozialdemokraten abgeben musste. Hermann Quarck hingegen blieb Staatsrat. Jedoch wurde ihm ein gleichberechtigter Sozialdemokrat zur Seite gestellt, was dann die tatsächlichen Machtverhältnisse wiedergab. Nicht anders sah es nach der Kommunalwahl vom 11. Mai 1919 in der Coburger Stadtverordnetenversammlung aus. Hier erhielt die SPD 44,5 % der Stimmen. Die nationalen, konservativen und liberalen Parteien stellten weiterhin die Mehrheit. Ein Großteil der Stadtverordneten blieb ebenso wie Oberbürgermeister Hirschfeld in ihren Ämtern.

Eine Mehrheit der konservativen und sozialdemokratischen Politiker Coburgs legte sich schon bald auf Anschluss an Bayern fest. Dabei spielte auch die eher konservative Grundhaltung des südlichen Nachbarn eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Bevölkerung trug diese Richtung auch mit. Die Coburger mögen dabei noch gar nicht mal realisiert haben, welcher Bedeutungsverlust für sie damit einherging. Die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln und der tagtägliche Kampf ums Überleben nach dem Ersten Weltkrieg spielten eine stärkere Rolle. Jedenfalls förderte die Haltung der Bevölkerung die Verhandlungen mit Bayern, welche schließlich erfolgreich abgeschlossen und durch eine Volksabstimmung am 30. November 1919 von der Bevölkerung bestätigt werden sollten. Bei eben dieser Abstimmung hatte man die Wahl zwischen einem Anschluss an Bayern oder an Thüringen. Der Erhalt der Selbstständigkeit war nicht mehr an der Tagesordnung. Unter diesen Umständen stimmten ca. 85% aller Coburger für Bayern. Für manche mag der Anschluss an das konservative Nachbarland das kleinere Übel gegenüber dem „roten“ Thüringen gewesen sein. Die meisten Wähler versprachen sich vom Anschluss eine Besserung der wirtschaftlichen und politischen Lage sowie durch den von Bayern garantierten Bestand der kulturellen Coburger Institutionen die Bewahrung der eigenen Identität, was durch die Gründung der Coburger Landesstiftung und des Coburger Heimatvereins (der heutigen Historischen Gesellschaft Coburg) untermauert wurde. Max Oscar Arnold bezeichnete die Landesstiftung als „dasjenige, was uns von der Coburger Selbstständigkeit übrigbleibt.“

Für das Deutsche Reich konstatiert Detlev Peukert für diese Zeit einen Mangel an „legitimierenden Gründungsmythos“. Einen festen Zeitpunkt, wann die Weimarer Republik aus der Taufe gehoben wurde, gab es nach seiner Meinung nicht. Denn zu viele Kontinuitäten aus der Kaiserzeit, vor allem in der Verwaltung und beim Militär, prägten auch weiterhin das Bild. Diese Gesellschaftsgruppen identifizierten sich nicht im nötigen Maße mit dem neuen Staate. Die Revolution von 1918 war hingegen ein Aufstand der hungernden Arbeiter und kriegsmüden Soldaten. Der Republik fehlte es an der breiten Legitimation ihrer Existenz. Wenn dies für das Reich zutrifft, dann erst recht für den Freistaat Coburg. Hier gab es keine Revolution. Es hatte sich auch nichts geändert. Herzog, Landesregierung und Stadtregiment bildeten eine Kontinuität bis zum Anschluss im Jahre 1920 hinein. Daran änderte auch der Sturz von Hermann Quarck nichts, der für seine Politik keine Mehrheit mehr im Landtag erhalten hatte. Die politischen Richtlinien, für die Quarck bereits im November 1918 den Grundstein legte, führten seine beiden Nachfolger Hans Schack (1878-1946) im Regierungsamt und Ernst Fritsch (1880-1945) als Leiter des Staatsministeriums fort. In Coburg ging scheinbar alles seinen alten Gang weiter. Da mochten weder der Arbeiter- und Soldatenrat noch die SPD etwas großartig ändern. Das große Erwachen für die Coburger kam erst nach dem Anschluss von 1920, als Illusion und Moderne endgültig getrennte Wege gingen.

(Fortsetzung folgt)

Christian Offline



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28.12.2017 16:54
#3 RE: „...blieb man hängen, wie an der guten alten Zeit“ Die Coburger Identitätskrise zwischen 1918 und 1922. Zitat · antworten

Kampf gegen Identitätskrise und Moderne (1920-22)
Naturgemäß lehnte Herzog Carl Eduard die politischen Entwicklungen, die in Deutschland vor sich gingen ab. Die Republik blieb ihm schon allein wegen seiner nationalkonservativen Einstellung fremd. Er suchte deshalb Anschluss an Gleichgesinnte, die wie er das Ziel einer Restauration der Monarchie verfolgten. Er fand diese bald im nationalen und völkischen Lager, deren Verbände und Vereine er unterstützte. Dazu gehörten der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund (DVSTB), die Einwohnerwehr, die Organisation Consul (OC), der Bund Wiking und der Jungdeutschen Orden (JO). Zudem stand er an der Spitze des Bundes der Kaisertreuen. Die guten Beziehungen zwischen Carl Eduard und den einzelnen Organisationen führten dazu, dass diese stark an Prestige gewannen und sich damit in der konservativ-monarchistischen Coburger Gesellschaft verankern konnten. Der DVSTB beispielsweise konnte im Dezember 1922 eine Mitgliederzahl von 400 Personen vorweisen. An dessen Veranstaltungen nahmen im Zeitraum von 1920 bis 1922 zwischen 1700 und 4000 Personen teil. Als Sprachrohr diente der Organisation die „Coburger Zeitung“, die seit ihrer Gründung 1861 vornehmlich das rechtsstehende und nationalliberale Bürgertum ansprach und 1930 eine Auflagenstärke von 4800 Exemplaren vorweisen konnte, was bei einer Einwohnerzahl von ca. 23.000 zu Anfang der 1920er Jahre keine zu unterschätzende Größe darstellte. Politisch stand der DVSTB der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) nahe. Seit 1924 herrschte zudem zwischen beiden Gruppierungen eine Personalunion im Amte des Vorsitzenden. Der Jungdeutsche Orden auf der anderen Seite gründete sich im Sommer 1922 in Coburg und stand unter der Leitung der evangelischen Pfarrer Helmuth Johnsen (1891-1947) und Willi Döbrich (1895-1981). Mit seinen u. a. völkischen, monarchischen und antikatholischen Standpunkten entwickelte sich der Orden auch aus der ehemaligen Coburger Landeskirche heraus. Carl Eduard war bis 1918 in Personalunion Oberhaupt der evangelischen Kirche Coburgs gewesen. Durch das Ende der Monarchie zerfiel diese Union, und der Anschluss Coburgs forderte eine neue Kirchenorganisation. So entstand 1921 aus der Coburger Landeskirche ein bayerisches Dekanat, welchem der seit 1920 letzte amtierende Generalsuperintendent Georg Kükenthal bis 1928 vorstand. Als Superintendent folgte er 1914 Wilhelm Johnsen, dem Vater Helmuth Johnsens nach. Die evangelischen Geistlichen bewahrten dabei eine für Franken typische monarchisch und republikfeindliche Tradition, die auch Interesse an der völkischen Bewegung erzeugte. 1923 wünschte sich der seit 1918 in Coburg tätigte Pfarrer Curt Weiß (1886-1955), Nachfolger Georg Kükenthals, in einer Predigt, dem deutschen Volk einen Führer. Nach Habel und Nöth erlangte der Jungdeutsche Orden „im Konzert der völkischen Wehrverbände eine vergleichsweise große Bedeutung“. Zum DVSTB bestand sogar die Möglichkeit einer Doppelmitgliedschaft.

Während der Herzog nun ziemlich früh versuchte, mit der Förderung verschiedener völkischer Gruppierungen und Militärverbände seine alte, offizielle politische Macht wieder zu erlangen, erlebte die Coburger Bevölkerung erst nach dem Anschluss an Bayern ihr Erwachen. Coburg war keine Hauptstadt mehr. Regierung und Landtag waren aufgelöst. Ihre Befugnisse übernahmen die bayerische Staatsregierung und die Bezirksregierung von Oberfranken. Im Kommunalbereich wurde das Einkammersystem eingeführt, welches das bisherige System von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung abschaffte. Damit verlor die Stadt wichtige identifikationsbildende Institutionen. Die politischen Akteure Coburgs blieben hingegen im Licht der Öffentlichkeit. Hans Schack zog als Abgeordneter der DDP, deren Mitbegründer er 1918 im Freistaat Coburg war, in den bayerischen Landtag ein. Nachdem er im November 1920 aus dem Parlament aufgrund einer Nachwahl wieder ausschied, ernannte der bayerische Justizminister Christian Roth den studierten Juristen aus Neustadt bei Coburg im Jahre 1921 zum ersten Direktor des neugegründeten Landgerichts Coburg. Schack war vor seinem Ausflug in die Politik als Rechtsanwalt und ab 1914 als Amtsrichter in Coburg tätig gewesen. 1930 wechselte er an das Reichsgericht in Leipzig. Der frühere Ministerialdirektor Ernst Fritsch, übernahm 1921 das Amt des Bezirksamtmannes, welches durch den Übertritt an Bayern aus dem Coburger Landratsamt entstand. Der gelernte Jurist stammte ursprünglich aus dem oberösterreichischen Grein und kam nach dem Studium nach Neustadt bei Coburg, wo er ab 1911 als Amtsrichter tätig war. Ein Jahr später erfolgte die Ernennung zum Landratsamtsassessor und schließlich 1916 die Ernennung zum Regierungsrat im Coburger Staatsministerium. Gustav Hirschfeld blieb auch nach dem Anschluss weiterhin Oberbürgermeister, während Max Oscar Arnold sich zwar aus der Politik verabschiedete, aber als herausragende Persönlichkeit weiterhin in der Öffentlichkeit stand. Trotz des Machtverlustes blieben ihre einstigen Vertreter im Rampenlicht. Damit verschärfte sich die Ambivalenz zwischen Illusion und Gegenwart und führte im Kontext wirtschaftlicher Not, Arbeitslosigkeit und Hunger zur Radikalisierung der Bevölkerung an beiden politischen Rändern. So vermischten sich lokale und überörtliche Faktoren zu einer Konfrontation, die in Deutschland selten so zu finden war.

Dem Wachstum der völkischen Bewegung, welche die alte Ordnung von 1914 herbeisehnte, folgte rasch das Wachstum der sozialistischen und kommunistischen Bewegung in Coburg, denen die Reformierung nicht weit genug gingen. Letztere inszenierte zahlreiche Protestkundgebungen gegen Hunger, Wohnungsnot, Preissteigerungen und Lohnkürzungen. Die Teilnehmerzahlen bei diesen Veranstaltungen lag dabei um die 1000 Personen. Dabei kam es auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Höhepunkt dieser chaotischen Zustände war schließlich der sogenannte „Coburger Blutsonnabend“ vom 3. September 1921, als es bei einer Kundgebung von SPD und USPD zu einer Straßenschlacht mit Einheiten der bayerischen Landespolizei kam, bei denen es einen Toten und 20 Verletzte gab. Bereits im Juni 1921 gelang es Gewerkschaften und SPD durch einen Generalstreik, welcher nach der Ermordung des Nürnberger Landtagsabgeordneten Karl Gareis (USPD) von beiden Organisationen ausgerufen wurde, die Strom- und Gasversorgung in Coburg auszuschalten. Auf die Coburger mit ihrer konservativen und nationalen Grundhaltung mussten solche Ereignisse anarchisch wirken. Mit dem Niedergang der Residenzstadt ging das Chaos einher, welches die neuen politischen Verhältnisse zu verantworten hatten. Es schien, als wäre der frühere politische Konsens aller Gesellschaftsschichten aufgekündigt worden. Je düsterer die Gegenwart war, desto heller strahlend wirkte die alte Größe der früheren Residenzstadt Coburg. Peukert konstatiert dies auch auf Reichsebene, wenn er schreibt: „Die wilhelminische Vergangenheit lief der ernüchternden republikanischen Gegenwart allemal den Rang ab.“ Dies wirkte sich umso stärker in einer Stadt wie Coburg aus, welches noch zehn Jahre vorher als Zentrum einer weltumspannenden, machtvollen Dynastie galt. In den Krisenjahren der Moderne entbrannte nun in Coburg die Frage einer neuen Identität, die sich ja durch den Anschluss an Bayern durchaus stellte. Ein Großteil der Bevölkerung hing an ihren traditionellen Vorstellungen. Dieses Konfliktpotenzial brach schließlich in den verbliebenen, früheren herzoglichen Institutionen auf. Priesner beschreibt diese Auseinandersetzung am Beispiel des früheren Hoftheaters: „Das Theater war vorwiegend Museum geworden. Alte Stücke wurden wiederholt. Das Neue wurde vom Publikum abgelehnt oder gleichgültig angehört. […] Am Hoftheater blieb man hängen wie an der guten alten Zeit. In den herrlichen Räumen mit glitzernden Leuchtern, weißlackierten Türen und roten Läufern blieben alte Illusionen erhalten. Das hochverehrte Publikum war konservativ. Es ließ sich zwar Neues vorführen, verharrte jedoch bei seinen Ansichten.“ Der Coburger Herzog indes bot indes Orientierung an der alten Identität, deren Symbol er war. Hambrecht konstatierte dazu: „Die Vorbildfunktion Carl Eduards läßt sich zwar quantitativ nicht nachweisen, ist aber vielfach verbürgt und in ihrer Wirkung auf das etablierte Bürgertum Coburgs sicher nicht hoch genug einzuschätzen.“ Der offene Schulterschluss zwischen dem Herzog und den völkischen Verbänden – Er trat bei deren Veranstaltungen als Ehrengast auf – machte diese Organisationen und Vereine noch mehr hoffähig. Viel mussten die Coburger aber hierfür nicht tun. Seit den 1860er Jahren entwickelte sich ein ausgeprägtes Militärvereinswesen in Coburg, in dem viele Männer Mitglied waren. Das lag auch daran, dass Coburg seit dieser Zeit sich als Garnisonsstadt einen Namen gemacht hat. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte deshalb auch der von Franz Seldte gegründete, paramilitärisch organisierte Wehrverband „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ keine Schwierigkeiten, in Coburg Mitglieder zu finden. 1930 konnte der Verband 200 Mitglieder vorweisen. Insgesamt meldete das Bezirksamt Coburg im Jahre 1925 an die 17 Vereine und Verbände, welche der nationalistischen und völkischen Gesinnung zuzuordnen waren.

Nach 1920 brach der Konflikt zwischen Modernisten und Konservativen in Coburg offen aus. Politisch standen hier die nationalistisch-völkischen Organisationen den sozialdemokratisch-kommunistisch orientierten Gruppierungen gegenüber. In dieser chaotischen Zeit flüchtete das Bürgertum zurück in die Vergangenheit, welche in erster Linie durch die Allgegenwart des Herzogs symbolisiert wurde. Damit einher ging die Sehnsucht nach der alten eigenstaatlichen Identität. Hier herrschte noch Ruhe und Ordnung. Die Weimarer Republik hingegen bot keinen Anreiz für die Bildung einer neuen Identität. Es stellte sich ab 1921 heraus, dass die Modernisierungsanhänger, vor allem die SPD, zu schwach waren, um sich gegen die monarchistisch-nationale Strömung und den Träumen der Coburger nach alter Größe durchzusetzen. Ein Großteil der Bevölkerung, wie auch der Herzog, waren noch in ihrer alten Illusion gefangen. Durch die Unterstützung der völkischen Gruppen versprach man sich eine schnelle Realisierung früherer Verhältnisse und Identitäten. Es bedurfte nur noch den Mann, der die alte Größe und Ordnung wieder bringen würde.

(Fortsetzung folgt)

Christian Offline



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29.12.2017 15:04
#4 RE: „...blieb man hängen, wie an der guten alten Zeit“ Die Coburger Identitätskrise zwischen 1918 und 1922. Zitat · antworten

Zusammenfassung:
Schlussendlich war Coburg Schauplatz eines Kampfes zwischen modernem Fortschritt und Bewahrung von Althergebrachtem geworden. Die Auseinandersetzung darüber findet ihren Anfang bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Coburg wichtige Behörden aus Rationalisierungsgründen an Gotha verlor. Die Industrialisierung dort ließ die Stadt im Thüringer Becken moderner erscheinen als das von Beamten und Pensionären geprägte Coburg. Anstatt diesen Notwendigkeiten ins Auge zu sehen, verschlossen sich ihnen die Coburger und schufen sich eine Illusion: Coburg als Dreh- und Angelpunkt der Welt. Die Inszenierung der Fürstenhochzeit von 1894 ließ dies als möglich erscheinen. Doch dieses Ereignis besaß schon keine weltpolitische Bedeutung mehr. Es war eine private Veranstaltung mit einem Anspruch öffentlicher Repräsentation. Aber nicht nur die Bevölkerung fiel auf diese Inszenierung ein. Auch die Herzöge, besonders der in seinem Hofstaat lebende Herzog Carl Eduard, ließ sich durch die Machtinszenierung täuschen. Er war kein absolutistischer Monarch, sondern er stand als Landesherr einer konstitutionellen Monarchie vor. So war für ihn der 9. November 1918 ein einschneidendes Erlebnis. Der Herzog stürzte dabei nicht in Coburg, sondern in Gotha. Während Carl Eduard nach außen hin seine politische Macht verlor, verblieben die anderen Politiker in Stadt und Land sowie die kirchlichen Würdenträger in ihren Ämtern und bildeten somit eine Kontinuität der alten Ordnung. Dass Carl Eduard sich dabei nicht aufs Altenteil zurückzog und sich aktiv um seine Wiedereinsetzung bemühte, verstärkte bei den Coburgern diesen Eindruck. Diese Problematik lässt sich auch auf Reichsebene feststellen. Wie auch die Weimarer Republik, so hatte auch der Freistaat Coburg keinen klaren Anfang. Dem Land fehlte der Gründungsmythos. Stattdessen war der Freistaat eher ein Herzogtum ohne Herzog. Dennoch haben sich in den Jahren zwischen 1918 und 1920 nochmals Modernisierer und Bewahrer zusammengerauft. Die parteiübergreifende Einsicht, den Freistaat Coburg an Bayern anzuschließen, und die Volksabstimmung in welcher 85% aller Coburger für Bayern stimmten, lässt diese Aussage zu. Doch nachdem der Stadt wie dem Herzog ein Bedeutungsverlust widerfuhr, suchten nun beide ihre Illusion zu erhalten und die alte Größe wieder herzustellen. Die andauernden Demonstrationen und Übergriffe von linker Seite mit dem Höhepunkt des Blutsonnabends von 1921 lies den Wunsch nach der alten Identität noch steigern. Wie auch der Herzog, wandten sich viele Coburger nationalen und völkischen Verbänden zu, die ab 1919 einen Auftrieb in Coburg erhielten. Stellvertretend sei hier der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund zu nennen. Carl Eduard bot dabei den Einwohnern eine große Orientierungshilfe. Diese zunehmende Radikalisierung hatte aber nach 1920 die Auseinandersetzung zwischen Moderne-Befürwortern und -Gegnern zur Folge. Parteipolitisch galten dabei die linken Parteien als Modernisierer und Träger einer neuen Identität, die durchaus in den fortschrittlichen Ideen Ernsts II. einen Anknüpfungspunkt finden konnte. Die rechten Parteien waren dagegen auf die alte nationalistisch-monarchistische Ordnung unter Carl Eduard fixiert. 1922 bahnte sich ein Patt zwischen beiden Gruppen an, welches nur durch eine weitere Radikalisierung zu überwinden versucht wurde. Dies war innerhalb der Rechten aber nicht unumstritten. Durch den vom DVSTB veranstalteten Dritten Deutschen Tag vom 14. und 15. Oktober 1922 setzten sich die radikalen Kräfte durch. Schlüsselfigur in diesem Spiel war zweifellos Adolf Hitler, der das tat, was man von ihm erwartet hatte. Er und seine SA lieferten die notwendige Radikalisierung. Unfreiwillig zeigte dies auch die Spaltung der rechten Bewegung. Während Kontinuitäten wie Ernst Fritsch und Gustav Hirschfeld dieser Radikalisierung zunehmend ablehnend gegenüberstanden, nahm Carl Eduard diese in Kauf, um das Ziel seiner Wiedereinsetzung auf dem Thron zu erreichen. Die Einwohner schlossen sich dabei mehrheitlich dem Herzog, welcher in der Bevölkerung immer noch über ein großes Ansehen verfügte, an. Hitler war der Mann, der am schnellsten eine Wiederherstellung der alten Ordnung mit allen politischen Mitteln versprach. So gesehen war er bereits im Oktober 1922 der Heilsbringer für die Coburger. Fortan entwickelte sich Coburg zu einer nationalsozialistischen Hochburg. Die moderaten konservativ-monarchistischen Politiker gerieten dabei ins Hintertreffen. Sie verfügten nicht über das Charisma eines politischen Führers. Sie waren in der Regel Verwaltungsbeamte. Carl Eduard stieg hingegen in der Hierarchie der NS-Bewegung weiter auf und erhielt nach 1933 zahlreiche Ehrenämter.

Schlussendlich stehen wir auch hier vor einem historiographischen Problem. Die politischen Leitgedanken der Weimarer Republik sind in Coburg nie angekommen. Stattdessen, und das belegt die Untersuchung, gab es eher einen direkten Übergang von der Monarchie zum Nationalsozialismus. Der Dritte Deutsche Tag von Coburg kann hierfür nicht nur als Schlüsselereignis der NS-Bewegung im Allgemeinen oder speziell für den Aufstieg der NSDAP in Franken, sondern auch als der Wendepunkt für die Coburger Stadtgeschichte gesehen werden. Symbolisch wurde bereits hier der republikanisch-demokratische Gedanke zu Grabe getragen. Die hiesige NSDAP erschuf daraus eine eigene Identität, die sie den Coburgern anbot. Erst 1945 zerplatzte die Illusion von der Rückkehr zur einstigen Größe. Nicht umsonst sah Büschel hier das eigentliche Ende der monarchischen Herrschaft in Coburg. Die monarchische Identität erhielt dadurch einen schweren aber nicht zerstörenden Schlag, die nationalsozialistische diskretisierte sich durch die Hitler-Herrschaft ganz. Die Coburger waren genötigt neue Wege zu gehen, ein Weg der bis heute noch nicht am Ende ist.

Stammbus Offline



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29.12.2017 16:47
#5 RE: „...blieb man hängen, wie an der guten alten Zeit“ Die Coburger Identitätskrise zwischen 1918 und 1922. Zitat · antworten

Danke für den interessanten Aufsatz, Christian.

Eine Bemerkung und eine Frage dazu.

Die Bemerkung: Der Coburger Blutsonnabend wird von Dir als übergriffig "von linker Seite" dargestellt. Dass die Übergriffe von links kamen, ist historisch zumindest umstritten, zumal die Coburger SPD ja eigentlich immer eher "brav" war. Siehe auch (aber nicht nur) https://de.wikipedia.org/wiki/Coburger_Blutsonnabend und https://www.historisches-lexikon-bayerns..._September_1921. Erdmann (Coburg, Bayern und das Reich) scheint mir keine neutrale Quelle zu sein, sondern eher eine, die von dem "bis heute nicht zu Ende gegangenen" Weg geschrieben ist - fast vergleichbar wie Priesner.


Die Frage: Woher entnimmst Du, dass Carl Eduard unter Umständen seinen Thron 1918 hätte retten können? Das ist immerhin keinem deutschen Fürsten (formal) gelungen.

Christian Offline



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30.12.2017 13:22
#6 RE: „...blieb man hängen, wie an der guten alten Zeit“ Die Coburger Identitätskrise zwischen 1918 und 1922. Zitat · antworten

Lieber Erhard, vielen Dank für das Feedback.

Die Ausgangsfrage dieses Aufsatzes war, warum die NSDAP schon früh in Coburg Fuß fassen konnte. Um das zu Verstehen muss man sich in die Gedankenwelt der Unterstützer und Wähler dieser Partei hineinversetzen. Das waren in erster Linie Konservative, Monarchisten, Deutschnationale oder Nationalliberale. Gerade dieses Klientel hatte Ängste (ob begründet oder unbegründet spielt keine Rolle) vor dem Kommunismus und Sozialismus. Da spielten zahlreiche Einflüsse eine Rolle (Russische Oktoberrevolution, Spartakusaufstand, Münchner Räterepublik und coburg-spezifisch: Der Umsturz in Gotha, die SPD/USPD-Landesregierung in Thüringen und eben der Blutsonnabend). Damit verbunden war auch eine politische, wirtschaftliche und soziale Unordnung, was viele als Kennzeichen der Weimarer Republik ansahen. Da war vielen die Ordnung und die Repräsentation des Deutschen Kaiserreichs lieber. Als Reaktion darauf, bewegten sich diese Gesellschaftsschichten aus der politischen Mitte an den rechten Rand, was durch die verschiedenen Wahlen auf allen Ebenen nachvollziehbar ist. Und dieser Zeit musste sich auch Coburg, dass eben einen starken identitären Bezug auf das Herzogshaus und als Residenzstadt besaß, neu erfinden, was die Mehrheit, meiner Meinung nach, gar nicht wollte. Die Charakterisierung "von linker Seite" gibt daher die Mentalität der oben genannten Gesellschaftsschichten wieder, da nicht davon ausgehe, das damals groß zwischen SPD, USPD und KPD unterschieden, sondern viel mehr alles in einem Topf geworfen wurde.

Bezüglich des Buches von Jürgen Erdmann bin ich einer anderer Meinung. Erdmann hat alle Quellen offen gelegt, sie sind für alle zugänglich und sie können mit dem Text von Erdmann verglichen werden. Danach ist es durchaus möglich diese Quellen anders zu interpretieren. Das ist ja dann eben Geschichtswissenschaft, das keiner die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen kann. Das hat kann man bei Priesner und anderen Autoren wegen dieser fehlenden Angaben nicht.

ZU deiner Frage:
Stichwort Oktoberreformen. Über dieses Thema habe ich bereits zwei Aufsätze in Bezug auf Coburg verfasst. Das ist aber ein reichsweites Phänomen und nicht auf Coburg beschränkt. Dabei geht es im Groben um die Umwandlung der vorherrschenden konstitutionellen Monarchie in einer parlamentarische Monarchie, was einer Entmachtung der Fürsten zugunsten von Parlament und Regierung gleichgekommen wäre. Diese Reformen, die schon vor dem 1. Weltkrieg von Reformern und Sozialdemokraten eingefordert wurden, lehnten die Fürsten und die konservativen Regierungen ab. Erst als sich 1918 das Ende des Krieges abzeichnete, waren die Regierungen (nicht aber Carl Eduard) bereit, diese Reformen umzusetzen. Sie hatten erkannt, das hier Handlungsbedarf besteht, um das System als Ganzes zu retten. Diese Reform war allerdings zu spät, dann rd. zwei Wochen nachdem diese Reform reichsweit beschlossen wurde, kam der 9. November und die Reform konnte keine Wirkung mehr entfalten. Die Geschichtswissenschaft kann hier nicht ausschließen, das bei einer früheren Reform, die monarchischen Strukturen auch nach 1918 erhalten geblieben wären.

Stammbus Offline



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30.12.2017 16:14
#7 RE: „...blieb man hängen, wie an der guten alten Zeit“ Die Coburger Identitätskrise zwischen 1918 und 1922. Zitat · antworten

Zitat von Christian im Beitrag #6
Die Charakterisierung "von linker Seite" gibt daher die Mentalität der oben genannten Gesellschaftsschichten wieder, da nicht davon ausgehe, das damals groß zwischen SPD, USPD und KPD unterschieden, sondern viel mehr alles in einem Topf geworfen wurde.




OK, ich habe das als die Wiedergabe Deiner Einschätzung verstanden.

Und was den Fortbestand des Thrones betrifft: Ich hatte Dich so verstanden, dass das Herzogshaus Coburg formal noch hätte weiter regieren können, während überall im Deutschen Reich nur noch republikanische Länder bestanden hätten. Die Bevölkerung von "Sachsen Coburg" hätte das mit Sicherheit mehrheitlich gut gefunden. Aber dann wäre wohl der Anschluss an Bayern unmöglich gewesen. Ob in Preußen oder auch anderen Teilen des Reichs die Monarchie sich mit Reformen hätte halten können, kann aber bezweifelt werden. Wilhelm II. wollte als König von Preußen erst nicht zurück treten. Reichskanzler von Baden hat dessen Thronverzicht auch für bzw. von Preußen gegen seinen Willen erklärt - bestimmt nicht ohne Grund.

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