Max der Gratulant

#1 von Christian , 18.11.2019 08:55

Es gab Personen, die früher wie heute als wunderliche Gestalten, die durch ihr Äußeres und bestimmte Züge auffielen und die als Originale nicht minder zu ihren Lebzeiten in aller Munde waren. Zu diesen gehörte Max der Gratulant.

Er wurde in Coburg am 29. Februar 1840 als viertes Kind der Köchin Johanna Charlotte Scharlitzky geboren. Man konnte ihm demnach nur alle vier Jahre zum Geburtstag gratulieren. Umso mehr gratulierte er zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten. Daher sein Beiname. Er war klein von Gestalt, aber wie es einem Gratulanten geziemt, zeigten seine Gesichtszüge immer ein freundliches Lächeln. Selten sah man ihn auf der Straße ohne den festgebundenen Strauß in der linken Hand. Auch bei Sonnenschein hatte er immer einen großen Schorm bei sich, den er wie den runden Strohhut, Kreissäge genannt, bei seinen Gratulationscouren in der rechten Hand hielt. Jackett und Hose waren ihm viel zu groß. Das paasste eigentlich nicht zu seinem "Tailleur". Diesen Berufstitel legte er sich statt der bescheideneren Bezeichnung "Schneider" zu. Seinen Schuhen sah man die verflossene Eleganz an. Die Füße hatten da drin zweimal Platz.

(Fortsetzung folgt)


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RE: Max der Gratulant

#2 von Rolf Metzner , 18.11.2019 14:02

Zitat von Christian im Beitrag #1
Es gab Personen, die früher wie heute als wunderliche Gestalten, die durch ihr Äußeres und bestimmte Züge auffielen und die als Originale nicht minder zu ihren Lebzeiten in aller Munde waren. Zu diesen gehörte Max der Gratulant.
..............


Ich stell' schon mal ein Bild von Max dem Gratulanten ein:

Max der Gratulant.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)


 
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zuletzt bearbeitet 18.11.2019 | Top

RE: Max der Gratulant

#3 von Christian , 19.11.2019 08:50

Max wusste stets Bescheid, wo etwas los war, sei es nun eine Hochzeit, ein Geburtstag, ein Jubiläum oder eine sonstige Festlichkeit. Das unentbehrliche Bukett verschaffte er sich in vielen Fällen auch illegal. Oft nahm er seinen Strauß heimlich wieder mit, weil er ihn für die nächste Festlichkeit am gleichen Tag nochmals benötigte. Er erschien meist uneingeladen, aber in vielen Fällen wurde er ausdrücklich eingeladen. Der Gratulant brachte durch sein Auftreten eine lustige Abwechslung in den Ablauf der Festlichkeit. Seine Glückwünsche trug er in geschraubter Redeweise mit näselnder Stimme vor. Er bemühte sich, so hochdeutsch wie nur möglich zu sprechen, aber dazwischen fiel er in unverfälschten Coburger Dialekt. Als Abschluss seiner Gratulation sag er regelmäßig sein Lied von der Lerche. Die Anzahl der originellen Strophen richtete sich nach dem zu erwartenden Trinkgeld und der nahrhaften Geschenke. Damit stopfte er seine Jackentaschen voll, sodass man äußerlich erkennen konnte, dass seine Gratulation erfolgreich war. Jeder Vers seines Lerchenliedes hatte einen anderen Schluss. Alle erregten wegen ihres Unsinns immer Heiterkeit.

(Fortsetzung folgt)


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RE: Max der Gratulant

#4 von Christian , 20.11.2019 08:37

Hier ein Auszug seines Lerchenliedes:

Singen kann die Lerche wohl, Aber Noten kennt sie nicht, oder Lieder singt die Lerche wohl, Aber Bratwörscht frisst sie nicht.

Einmal trat Max der Gratulant bei einem Wintervergnügen der Turngenossenschaft auf der Bühne auf. Man spielte in humoristischer Weise die Einweihung des "Weltbades Colberg" (= Bad Colberg). Das war 1910. Da durfte Max als Gratulant nicht fehlen. Er erntete stürmischen Beifall. Im Übrigen war er sehr von sich eingenommen. Er wünschte immer mit Herr Schnarnitzky angeredet zu werden. Viel lieber hätte er gehört: Herr von Scharnitzky, denn er behauptete, von einem polnischen Adligen abzustimmen, aber der Pfarrer habe beim Eintrag in das Taufregister aus Bequemlichkeit das "von" vor seinem polnischen Namen vergessen.

Lange Zeit wohnte der Max in einem bescheidenen Stübchen im Hause Leopoldstraße Nr. 1, aber an der Stubentür stand großspurig angeschrieben: Max Scharnitzky, Tailleur und Kleiderreiniger.

Er war eben mehr ein Aufschneider als ein Schneider. Als er alt und immer älter wurde, sah man ihn im Stadtbild immer seltener. Max der Gratulant wohnte am Ende seines Lebens im Armenhaus an der Nikolauskapelle, schließlich im Armenhaus in Wüstenahorn. Er starb am 26.9.1914 im Alter von 74 Jahren. Der Coburger Maler Wilhelm Scheibe hat von ihm ein Ölbild gemalt, das im Besitz der Stadt Coburg ist, in einer Amtsstube hängt und wie dieser Beitrag an ihn erinnert.

Ende

(Anlehnung an einen Aufsatz von Ernst Eckerlein)


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RE: Max der Gratulant

#5 von Rolf Metzner , 20.11.2019 09:51

Zitat von Christian im Beitrag #4


..........Max der Gratulant wohnte am Ende seines Lebens im Armenhaus an der Nikolauskapelle, schließlich im Armenhaus in Wüstenahorn..........

Armenhaus an der Nikolauskapelle und Armenhaus Wüstenahorn:

Ketschendorfer Str., Armenhaus.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)Wüstenahorn, Armenhaus.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)


 
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