Wer heute im Bereich der Floßstegstraße zwischen Viktoriastraße und Judenbrücke unterwegs ist, kann auf ein Bauwerk stoßen, das zunächst etwas rätselhaft wirkt: eine kleine, sorgfältig gestaltete Brücke, unter der kein sichtbares Gewässer mehr fließt. Was heute beinahe wie ein dekoratives Element der Grünanlage erscheint, überspannte einst den offen durch Coburg verlaufenden Hahnfluss. Die Brücke ist damit nicht nur ein bemerkenswertes Beispiel der Jugendstilarchitektur, sondern auch ein seltener Hinweis auf eine weitgehend verschwundene Stadt- und Flusslandschaft.
Ein Entwurf von Max Böhme
Die Brücke wurde 1910 nach Plänen des Coburger Stadtbaumeisters Max Böhme errichtet. In der Bayerischen Denkmalliste wird sie als Stahlbetonbrücke in Jugendstilformen geführt. Sie gehörte ursprünglich zum Umfeld des Ernst-Alexandrinen-Volksbades und verband den dort angelegten Park- und Wegekomplex mit der Floßstegstraße. Als Baudenkmal trägt sie die Aktennummer D-4-63-000-639.
Mit dem verwendeten Stahlbeton griff Böhme auf einen damals noch vergleichsweise jungen Baustoff zurück. Die technische Modernität wurde jedoch nicht offen zur Schau gestellt, sondern durch eine repräsentative Formgebung veredelt. Elegant geschwungene Brüstungen, kräftige Abschlüsse und aufgesetzte Steinkugeln verleihen der kleinen Brücke eine beinahe plastische Wirkung. Der nüchterne Zweckbau erhielt dadurch den Charakter eines architektonischen Schmuckstücks. Heute steckt der eigentliche Brückenbogen weitgehend im Erdreich, sodass die ursprüngliche Funktion des Bauwerks nur noch schwer zu erkennen ist.
Max Böhme, 1870 in Zeitz geboren, war 1903 als Stadtbaumeister nach Coburg berufen worden. Er hatte zuvor in Darmstadt und Halle an der Saale gearbeitet und war mit den modernen Architekturströmungen seiner Zeit vertraut. Seit 1907 führte er den Titel eines Stadtbaurats. Mit dem Ernst-Alexandrinen-Volksbad, der Heiligkreuzschule, dem Krematorium, Teilen der städtischen Werke und mehreren Anlagen zur Regulierung der Itz prägte Böhme das Erscheinungsbild Coburgs nachhaltig. Seine Arbeiten verbanden funktionale Anforderungen mit dem Anspruch, auch kommunale Infrastruktur künstlerisch zu gestalten.
Bestandteil des Ernst-Alexandrinen-Volksbades
Die Brücke entstand nicht als isoliertes Einzelbauwerk. Sie war Teil der Außenanlagen des Ernst-Alexandrinen-Volksbades, dessen reich geschmückter Eingangsbau bereits 1907 nach Böhmes Entwürfen errichtet worden war. Das Volksbad ging auf eine Stiftung Herzogin Alexandrines von Sachsen-Coburg und Gotha zurück, die sich besonders für soziale Fürsorge, Bildung und öffentliche Gesundheit eingesetzt hatte. Nach ihrem Tod im Jahr 1904 standen Mittel zur Verfügung, mit denen die Stadt eine moderne Badeanstalt errichten konnte.
Öffentliche Volksbäder besaßen um 1900 eine große gesellschaftliche Bedeutung. In einer Zeit, in der viele Wohnungen noch nicht über eigene Badezimmer verfügten, waren sie Teil der kommunalen Gesundheitsvorsorge. Zugleich wurden solche Einrichtungen bewusst repräsentativ gestaltet: Hygiene, technischer Fortschritt und soziale Verantwortung sollten sich auch in der Architektur ausdrücken. Die Brücke leitete Besucher durch die parkartig gestaltete Umgebung des Bades und machte selbst einen kurzen Fußweg zu einem ästhetischen Erlebnis.
Vom einstigen Volksbad blieb allerdings nur ein Teil erhalten. Der überwiegende Gebäudekomplex wurde 1977 abgebrochen, um Platz für die neue Straßenverbindung zwischen Lossau- und Viktoriastraße zu schaffen. Bewahrt wurde der frühere Eingangsbau, der heute in der Alfred-Sauerteig-Anlage steht. Die etwas abseits gelegene Brücke überdauerte den Abbruch und erinnert bis heute an den ursprünglichen Zusammenhang von Badeanstalt, Grünanlage und Hahnfluss.
Der Hahnfluss – Coburgs verschwundene Lebensader
Der Hahnfluss war kein natürlicher Fluss im heutigen Sinne, sondern ein von der Itz abgeleiteter Wasserlauf, der sich durch große Teile des Stadtgebietes zog. Jahrhundertelang lieferte er Energie für Mühlen, versorgte Handwerksbetriebe mit Wasser und wurde unter anderem von den Coburger Gerbern genutzt. Sein Verlauf führte durch dicht bebaute Bereiche der Stadt und endete nahe der Judenbrücke wieder in der Itz.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor der Wasserlauf seine wirtschaftliche Bedeutung. Zugleich wurde er zunehmend als hygienisches und städtebauliches Problem betrachtet. 1968 leitete man den Hahnfluss in eine unterirdische Rohrleitung. Mit dem offenen Gewässer verschwanden nach und nach auch viele Stege, Mauern und Brückensituationen, die das Coburger Stadtbild über Jahrhunderte geprägt hatten. Die Jugendstilbrücke an der Floßstegstraße blieb bestehen und wurde in die neu gestaltete Grünanlage einbezogen.
Gerade weil das Wasser heute nicht mehr zu sehen ist, besitzt die Brücke einen besonderen Zeugniswert. Sie macht deutlich, dass sich unter Straßen, Plätzen und Grünflächen noch immer ältere Strukturen der Stadt verbergen. Das scheinbar funktionslose Bauwerk markiert gewissermaßen den Lauf eines unsichtbar gewordenen Flusses.
Ein kleines Denkmal mit großer Aussagekraft
Die Jugendstilbrücke an der Floßstegstraße gehört nicht zu den monumentalen Sehenswürdigkeiten Coburgs. Gerade darin liegt jedoch ihr Reiz. Sie erzählt von einer Epoche, in der selbst technische und alltägliche Bauaufgaben mit gestalterischem Anspruch behandelt wurden. Für Max Böhme war eine Brücke nicht nur eine Möglichkeit, ein Gewässer zu überqueren. Sie war zugleich Teil eines städtebaulichen Gesamtbildes.
Heute ist das Bauwerk eine Art architektonisches Fossil. Das Volksbad, zu dessen Anlage es gehörte, ist größtenteils verschwunden. Der Hahnfluss verläuft unterirdisch, und die ursprüngliche Brückensituation ist nur noch mit historischem Wissen nachvollziehbar. Dennoch – oder gerade deshalb – besitzt die Brücke einen hohen Erinnerungswert. Sie bewahrt im Kleinen die Geschichte des modernen Coburgs: den Ausbau der öffentlichen Gesundheitsfürsorge, den Einsatz neuer Baustoffe, die künstlerischen Vorstellungen des Jugendstils und den späteren Umgang mit Flüssen und historischer Bausubstanz.
Wer an der Floßstegstraße innehält, steht somit nicht einfach vor einer Brücke ohne Wasser. Er steht vor einem der letzten sichtbaren Hinweise auf den alten Hahnfluss – und vor einem Bauwerk, das mehr als ein Jahrhundert Coburger Stadtentwicklung überdauert hat.