Wo heute Wohnungen, Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe liegen, wurde einst Bauholz zugeschnitten, gehobelt und zu Dachstühlen, Fußböden, Türen oder Fenstern weiterverarbeitet. Zu den bedeutenderen holzverarbeitenden Unternehmen Coburgs gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Zimmergeschäft und Dampfsägewerk Ernst Schubart am Vorderen Floßanger 2. Ein zeitgenössisches Firmenporträt vermittelt einen Eindruck von einem Betrieb, der traditionelles Handwerk mit maschineller Produktion verband und zeitweise mehr als 40 Menschen beschäftigte.
Anfänge am Sonntagsanger
Gegründet wurde das Unternehmen nach dem vorliegenden Firmenbericht im Jahr 1901 durch den Zimmermeister Max Schubart. Der erste Standort befand sich am Coburger Sonntagsanger. Zu Beginn dürfte der Betrieb vor allem klassische Zimmererarbeiten ausgeführt haben: Dachstühle, Holzkonstruktionen, Balkenlagen und andere tragende Bauteile wurden damals noch in erheblichem Umfang auf dem Zimmerplatz vorbereitet und anschließend zur Baustelle gebracht.
Bereits wenige Jahre später benötigte das wachsende Unternehmen offenbar mehr Platz. 1909 verlegte Max Schubart den Betrieb an den Floßanger und ließ dort ein neues Sägewerk errichten. Historische Adressangaben führen das Grundstück zunächst als Kasernenstraße 18a; später erhielt es die Adresse Vorderer Floßanger 2. Auch im Coburger Adressbuch von 1955 erscheint der Betrieb an diesem Standort.
Die Lage war für ein holzverarbeitendes Unternehmen geradezu sinnbildlich. Floßstegstraße sowie Vorderer und Hinterer Floßanger erinnern an die jahrhundertelange Versorgung Coburgs mit Holz aus dem Thüringer Wald. Über Lauter und Itz wurden vor allem kürzere Brennholzstücke in die Stadt geflößt, am Floßanger aus dem Wasser gezogen, getrocknet und gelagert. Erst 1863 endete die Coburger Flößerei. Das Sägewerk Schubart knüpfte damit zwar nicht mehr unmittelbar an den Wassertransport an, setzte aber die jahrhundertealte Verbindung des Ortes mit dem Werkstoff Holz fort.
Was war ein Dampfsägewerk?
Die Bezeichnung „Dampfsägewerk“ verweist auf die Mechanisierung der Holzverarbeitung. Anstelle reiner Handarbeit konnten Dampfmaschinen über Schwungräder, Wellen und Transmissionsriemen mehrere Arbeitsmaschinen antreiben. Dazu gehörten beispielsweise Sägegatter, Kreis- und Pendelsägen sowie Hobelmaschinen. Auf diese Weise ließen sich Baumstämme schneller und gleichmäßiger in Balken, Bretter und Bohlen zerlegen. Historische Werkhallen waren häufig von einer zentralen Kraftquelle abhängig, deren Bewegung über lange Transmissionsanlagen an die einzelnen Maschinen weitergegeben wurde.
Das im Firmenporträt abgebildete Betriebsgelände zeigt die typische Struktur eines solchen Werkes: langgestreckte Werkhallen, offene Lagerflächen, aufgeschichtetes Holz und einen hohen Schornstein. Im Hintergrund erhebt sich die Veste Coburg. Die Aufnahme macht zugleich deutlich, dass sich der Floßanger damals als gewerblich-industrieller Bereich am nördlichen Rand der engeren Innenstadt präsentierte.
Ob die Maschinen zur Entstehungszeit des Firmenporträts noch tatsächlich mit Dampf betrieben wurden, lässt sich aus der Abbildung allein nicht sicher bestimmen. Häufig blieb der eingeführte Begriff „Dampfsägewerk“ auch dann Bestandteil des Firmennamens, wenn der Antrieb später teilweise oder vollständig auf Elektrizität umgestellt worden war.
Mehr als eine Zimmerei
Die Firma Schubart beschränkte sich nicht auf den Zuschnitt von Baumstämmen. Das Firmenporträt nennt ein erstaunlich breites Produktions- und Leistungsspektrum:
Zimmerei, Bauglaserei, Bauschreinerei, Bau- und Schnittholz sowie Fußboden-Hobeldielen.
Damit vereinte der Betrieb mehrere Arbeitsschritte unter einem Dach. Das Sägewerk lieferte Balken, Bretter und Bohlen, während Zimmerei und Bauschreinerei das Material weiterverarbeiteten. Die Bauglaserei ergänzte das Angebot um Verglasungsarbeiten. Für Bauherren hatte diese Verbindung praktische Vorteile: Ein erheblicher Teil der Holz- und Ausbauarbeiten konnte von einem einzigen Unternehmen übernommen werden.
Die Mitgliedschaft im Fachverband Bayerischer Sägewerke sowie in der Coburger Zimmerer- und Glaserinnung verweist auf die unterschiedlichen beruflichen Standbeine des Unternehmens. Zugleich zeigt sie, wie sich das Bauhandwerk im frühen 20. Jahrhundert veränderte. Neben die handwerkliche Einzelanfertigung trat zunehmend eine rationell organisierte Herstellung standardisierter Bauteile.
Ein Coburger Familienunternehmen
Am 1. Mai 1941 übernahm Zimmermeister Ernst Schubart, der Sohn des Gründers, die Leitung des Unternehmens. Die Übergabe fiel in eine schwierige Zeit. Krieg, Materialbewirtschaftung, Arbeitskräftemangel und staatliche Lenkung griffen tief in den Alltag nahezu aller Bau- und Handwerksbetriebe ein. Der beigefügte Firmenbericht geht auf diese Jahre allerdings nicht näher ein. Er konzentriert sich – wie bei werbenden Unternehmensdarstellungen jener Zeit üblich – vor allem auf Wachstum, Leistungsfähigkeit und ausgeführte Aufträge.
Nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte der Betrieb vom enormen Bau- und Reparaturbedarf. Beschädigte Gebäude mussten instand gesetzt, Wohnungen geschaffen und Gewerbebauten errichtet oder erweitert werden. Dem Firmenbericht zufolge war Schubart an größeren Arbeiten für Geschäfts- und Wohnhäuser beteiligt und gewann dadurch auch über Coburg hinaus Bedeutung.
Als besonders repräsentatives Projekt wird die Heiligkreuzschule genannt. Das von Stadtbaumeister Max Böhme geplante Schulgebäude war zwischen 1905 und 1907 entstanden und wurde am 2. Mai 1907 eingeweiht. Welche konkreten Zimmerer-, Schreiner- oder Verglasungsarbeiten die Firma Schubart dort ausführte, geht aus dem Firmenporträt nicht hervor; eine genaue Zuordnung müsste anhand städtischer Bauakten oder Rechnungsunterlagen überprüft werden. 40 bis 45 Beschäftigte
Zum Zeitpunkt des Firmenporträts arbeiteten nach eigenen Angaben 40 bis 45 Personen bei Schubart. Für einen handwerklich geprägten Coburger Familienbetrieb war dies eine beachtliche Größe. Benötigt wurden nicht nur Zimmerer und Schreiner, sondern vermutlich auch Sägewerker, Glaser, Maschinenführer, Lagerarbeiter, Fuhrleute sowie kaufmännische Kräfte.
Der Bericht betont zudem, dass Ernst Schubart von seinen beiden Söhnen unterstützt wurde. Damit zeichnete sich bereits die Fortführung des Betriebes in der nächsten Generation ab. Die Darstellung folgt dem klassischen Bild des mittelständischen Familienunternehmens: vom Vater gegründet, vom Sohn ausgebaut und von den Enkeln mitgetragen.
Noch 1955 wurde Ernst Schubart am Vorderen Floßanger als Zimmermeister und Sägewerksinhaber geführt. Auch ein erhaltener Lieferschein von 1926 bestätigt, dass bereits Max Schubart an diesem Standort ein Dampfsägewerk betrieb. Vom Gewerbestandort zum Wohnquartier
Über viele Jahrzehnte veränderte sich das Grundstück grundlegend. Der Firmenname Ernst Schubart blieb im Coburger Handelsregister unter der Nummer HRA 406 nachweisbar; der Eintrag wurde im März 2005 gelöscht. Daraus lässt sich allerdings nicht ohne Weiteres ableiten, bis wann auf dem Gelände tatsächlich gesägt oder gezimmert wurde.
Später befand sich am Vorderen Floßanger 2 unter anderem ein Verbrauchermarkt. Nach dessen Verlagerung wurde das Gelände erneut umgestaltet. Ab 2019 entstand dort das Projekt „Wohnen an der Itz“ mit fünf Mehrfamilienhäusern und insgesamt 56 Wohnungen. Das 6.570 Quadratmeter große Grundstück, auf dem einst Holzstapel, Werkhallen und der Schornstein des Sägewerks das Bild bestimmten, wurde damit zu einem modernen Wohnquartier.
Die Geschichte des Zimmergeschäfts und Dampfsägewerks Ernst Schubart steht beispielhaft für den wirtschaftlichen Wandel Coburgs im 20. Jahrhundert. Aus einem traditionellen Zimmererbetrieb entwickelte sich ein vielseitiges Bau- und Holzunternehmen mit maschineller Fertigung. Am Floßanger verband sich dabei die alte Geschichte des Holztransportes mit der modernen Verarbeitung des Baustoffs. Heute ist vom einstigen Dampfsägewerk kaum noch etwas zu erkennen. Das beigefügte Firmenporträt bewahrt jedoch die Erinnerung an einen Betrieb, der über mehrere Generationen hinweg Arbeit gab und an der baulichen Entwicklung Coburgs beteiligt war.