Wer an das Coburger Landestheater denkt, hat meist das repräsentative Gebäude am Schlossplatz, seinen Zuschauerraum oder die festlich beleuchtete Bühne vor Augen. Doch Theater entsteht nicht allein dort, wo Schauspielerinnen, Sänger und Tänzer auftreten. Hinter jeder Aufführung stehen Werkstätten, Magazine und Lagerräume, in denen Bühnenbilder angefertigt, überarbeitet und für spätere Vorstellungen aufbewahrt werden. Ein bemerkenswertes Zeugnis dieser weitgehend unsichtbaren Theaterarbeit ist das ehemalige Kulissenhaus am Vorderen Floßanger 9.
Das äußerlich eher unscheinbare Fachwerkgebäude gehört zu den seltenen erhaltenen Funktionsbauten des historischen Coburger Theaterbetriebs. In der Bayerischen Denkmalliste wird es unter der Nummer D-4-63-000-922 als ehemaliges Kulissenhaus des herzoglichen Hof- beziehungsweise späteren Landestheaters geführt. Die Denkmalbeschreibung charakterisiert es als Fachwerkbau mit unverputzten Ziegelausfachungen, der noch vor 1900 entstand und 1911 erweitert wurde.
Von der Scheune zum Theatermagazin
Der älteste Teil des Gebäudes wurde vermutlich um 1870 zunächst als Scheune errichtet. Diese ursprüngliche Nutzung ist seiner Architektur noch heute anzusehen. Der ältere südwestliche Gebäudeteil besitzt eine hallenartige Gliederung mit einem höheren, von einem Satteldach abgeschlossenen Mittelschiff und niedrigeren Seitenschiffen unter Pultdächern. Drei große Einfahrtstore prägen diesen Abschnitt.
Um 1900 wurde die Scheune verbreitert und anschließend als Magazin für die Kulissen des herzoglichen Hoftheaters genutzt. 1911 kam an der Ostseite ein weiterer, höherer Gebäudeteil mit veränderter Geschossaufteilung hinzu. Das Wachstum des Bauwerks folgte damit unmittelbar den praktischen Bedürfnissen des Theaterbetriebs. Die großen Tore und die hallenartigen Räume dürften den Transport und die Unterbringung großformatiger Dekorationen erleichtert haben.
Der Standort am Vorderen Floßanger lag außerhalb des dicht bebauten historischen Stadtkerns, zugleich aber noch in erreichbarer Entfernung zum Theater am Schlossplatz. Für ein Magazin mit großen Holzrahmen, bemalten Leinwänden und umfangreichen Materialbeständen war ein solcher Standort wesentlich geeigneter als die beengten Räume des eigentlichen Theatergebäudes.
Ein wachsender Fundus für einen vielfältigen Spielplan
Die Geschichte des Coburger Hoftheaters reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Das heutige Große Haus wurde am 17. September 1840 eröffnet. Nach dem Ende der Monarchie wurde das Hoftheater ab 1918 als öffentliches Theater weitergeführt; 1919 ging es in den Besitz des Freistaates Coburg über.
Mit einem dauerhaft betriebenen Theater wuchs zwangsläufig auch der Bestand an Bühnenbildern. Historische Kulissen bestanden überwiegend aus bemalter Leinwand, die auf hölzerne Rahmen gespannt oder als großformatiger Prospekt von der Bühnenmaschinerie herabgelassen wurde. Hinzu kamen Holzbauteile, Metallbeschläge, Leim, Grundierungsmittel und erhebliche Mengen an Farbe.
Ein vielseitiger Spielplan benötigte einen umfangreichen Fundus. Landschaften, Straßen, Paläste, bürgerliche Zimmer, Kirchen, Gärten oder Säle mussten für unterschiedliche Schauspiele und Opern bereitstehen. Zwar wurden ältere Dekorationen immer wieder überarbeitet und für neue Inszenierungen verwendet. Doch eine vollständige Übermalung oder das Zerschneiden einer Leinwand bedeutete zugleich, dass das ursprüngliche Bühnenbild nicht mehr eingesetzt werden konnte. Deshalb plante die Hoftheaterintendanz bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts einen systematischen Ausbau des Dekorationsbestands und ein größeres Kulissenmagazin.
Das Kulissenhaus am Vorderen Floßanger war somit kein bloßer Abstellraum. Es bewahrte einen wertvollen Arbeits- und Materialbestand, in den das Theater über Jahre hinweg erhebliche Summen investiert hatte. Jede eingelagerte Dekoration stellte zugleich eine Möglichkeit dar, ältere Werke wiederaufzunehmen oder einzelne Bestandteile für neue Produktionen weiterzuverwenden.
Vom Lagerraum zum Malersaal
Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die Nutzung des Gebäudes erneut. Im Jahr 1950 wurde im ehemaligen Kulissenhaus ein Malersaal eingerichtet. Hinzu kamen ein Sozialraum für die Beschäftigten und ein Farbenlager. Aus dem reinen Magazin wurde damit zumindest teilweise eine aktive Theaterwerkstatt. Kulissen konnten nun nicht nur aufbewahrt, sondern auch vor Ort bearbeitet, ausgebessert oder neu gestaltet werden.
Diese Umgestaltung zeigt, wie anpassungsfähig der Zweckbau war. Seine großen Hallen und seine vergleichsweise einfache Konstruktion ermöglichten unterschiedliche Arbeitsabläufe. Gleichzeitig blieb die ältere bauliche Struktur ablesbar: Die verschiedenen Höhen, Dachformen und Gebäudeteile dokumentieren die schrittweise Erweiterung vom landwirtschaftlichen Nebengebäude zum spezialisierten Theaterbau.
Ein Denkmal der Arbeit hinter der Bühne
Das ehemalige Kulissenhaus unterscheidet sich deutlich von den repräsentativen Bauten des herzoglichen Coburg. Es besitzt keine prunkvolle Fassade, keine Skulpturen und keinen festlichen Zuschauerraum. Gerade darin liegt seine besondere geschichtliche Bedeutung. Das Gebäude erzählt nicht von höfischer Selbstdarstellung, sondern von der alltäglichen Arbeit hinter den Kulissen.
Hier wurden jene großformatigen Bilder gelagert und bearbeitet, die auf der Bühne Landschaften, Städte, Paläste und Fantasiewelten entstehen ließen. Das Haus erinnert an Theatermaler, Schreiner, Bühnenarbeiter und Transporteure – an Berufsgruppen also, die vom Publikum meist nicht wahrgenommen wurden, deren Arbeit aber für jede Aufführung unverzichtbar war.
Als erhaltenes Fachwerk- und Ziegelgebäude dokumentiert das Kulissenhaus zugleich ein Stück Coburger Gewerbe- und Architekturgeschichte. Seine mehrfachen Erweiterungen machen sichtbar, wie sich ein zunächst landwirtschaftlich genutzter Bau den wachsenden Anforderungen eines professionellen Theaterbetriebs anpasste. Damit ist das Gebäude am Vorderen Floßanger weit mehr als ein ehemaliges Lager: Es ist ein steinernes beziehungsweise hölzernes Archiv der Coburger Theaterarbeit – ein Ort, an dem die vergängliche Kunst der Bühne dauerhafte bauliche Spuren hinterlassen hat.