Wer vom Coburger Schlossplatz in Richtung Hofgarten und Veste blickt, entdeckt oberhalb der Allee einen auffallenden neugotischen Bau: die katholische Pfarrkirche St. Augustin. Mit ihrer erhöhten Lage, der breiten Freitreppe und dem schlanken Dachreiter wirkt sie wie ein steinernes Bindeglied zwischen der historischen Innenstadt und dem Festungsberg. Ihre Geschichte erzählt jedoch von weit mehr als Architektur. St. Augustin steht für die Rückkehr des katholischen Lebens nach Coburg, für die internationalen Beziehungen des Herzogshauses und für den tiefgreifenden Wandel des Stadtbildes seit dem 19. Jahrhundert.
Katholisches Leben in einer protestantischen Stadt
Coburg war seit der Reformation fast vollständig evangelisch geprägt. Nachdem 1525 eine neue Gottesdienstordnung eingeführt worden war, endete 1528 mit der letzten Messe in der Nikolauskapelle das öffentliche katholische Gemeindeleben für beinahe drei Jahrhunderte. Erst am 25. März 1802 konnte wieder ein katholischer Gottesdienst gefeiert werden – zunächst unter bescheidenen Bedingungen in einem nur etwa 15 Quadratmeter großen Zimmer in der Ketschengasse 1. Ab 1806 stand der Gemeinde erneut die Nikolauskapelle zur Verfügung.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts wuchs die Zahl der Katholiken. Dazu trugen Beamte, Militärangehörige, Handwerker, Dienstboten und Menschen bei, die aus katholisch geprägten Regionen nach Coburg zogen. Um 1860 lebten bereits rund 600 Katholiken in der Residenzstadt. Die kleine Nikolauskapelle genügte den Bedürfnissen der Gemeinde längst nicht mehr. Deshalb bildete sich 1851 unter der Protektion von Prinz August von Sachsen-Coburg-Koháry ein Komitee, das den Bau einer eigenen katholischen Kirche vorbereitete.
Ein neugotisches Zeichen am Festungsberg
In der Mitte der 1850er-Jahre begann nach Plänen des herzoglichen Baumeisters Vincenz Fischer-Birnbaum der Bau der neuen Kirche. Der Standort am unteren Festungsberg war bewusst gewählt: St. Augustin sollte nicht in einer abgelegenen Vorstadt entstehen, sondern gut sichtbar in unmittelbarer Nähe von Hofgarten, Schlossplatz und herzoglichen Residenzbauten.
Architektonisch orientierte sich Fischer-Birnbaum an der Neugotik. Dieser Stil griff Formen mittelalterlicher Kirchen auf und galt im 19. Jahrhundert als besonders geeignet für Sakralbauten. Spitzbogenfenster, Strebepfeiler, Fialen, Maßwerk und das betonte Westportal sollten an die vermeintlich geschlossene christliche Welt des Mittelalters erinnern. St. Augustin entstand als Wandpfeilersaal mit leicht eingezogenem Chor. Doppelstöckige Anbauten nahmen Sakristei und herrschaftliche Oratorien auf. Über der Westfassade erhebt sich anstelle eines mächtigen Kirchturms ein eleganter Dachreiter. Die geschwungene, doppelläufige Freitreppe verstärkt die repräsentative Wirkung des erhöht liegenden Gebäudes.
Am 28. August 1860, dem Gedenktag des heiligen Augustinus von Hippo, weihte der Bamberger Erzbischof Michael Deinlein die Kirche zusammen mit der Orgel und drei Glocken. Die Wahl des Kirchenpatrons besaß zugleich eine dynastische Nebenbedeutung: Der Name Augustinus erinnerte auch an Prinz August von Sachsen-Coburg-Koháry, der die Gemeinde und den Kirchenbau maßgeblich gefördert hatte. Die Weihe war daher nicht nur ein kirchliches Ereignis, sondern zugleich ein öffentliches Zeichen dafür, dass katholisches Leben wieder einen festen Platz in Coburg erhalten hatte.
Die Kohárygruft – europäische Geschichte unter der Kirche
Eine Besonderheit von St. Augustin liegt unterhalb des eigentlichen Kirchenraums. Die sogenannte Kohárygruft diente als Grablege der katholischen Linie des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha. Damit ist die Kirche unmittelbar mit der europäischen Dynastiegeschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verbunden.
Der große westliche Kryptaraum wurde nach dem Tod Prinz Augusts in den Jahren 1884 und 1885 auf Wunsch und mit finanzieller Unterstützung seiner Witwe Clémentine von Orléans unter dem Langhaus angelegt beziehungsweise erweitert. Clémentine war eine Tochter des französischen „Bürgerkönigs“ Louis-Philippe. Ihr gemeinsames Grabmal, das der französische Bildhauer Aimé Millet schuf, gehört zu den bedeutendsten Kunstwerken der Gruft. Weitere Bestattete entstammten den weit verzweigten Linien des Hauses Sachsen-Coburg-Koháry, deren familiäre Beziehungen unter anderem nach Frankreich, Portugal, Brasilien, Österreich und Bulgarien reichten.
Zu den bekanntesten hier bestatteten Persönlichkeiten gehörte Ferdinand I. von Bulgarien, ein Sohn von Prinz August und Prinzessin Clémentine. Nach seiner Abdankung im Jahr 1918 lebte der frühere Zar überwiegend in Coburg. Als er 1948 starb, wurde er in einem mit rotem Samt überzogenen „Reisesarg“ in der Kohárygruft beigesetzt. Die Bezeichnung brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, eines Tages nach Bulgarien überführt zu werden. Im Mai 2024 wurden seine sterblichen Überreste tatsächlich nach Sofia gebracht. Der historische Reisesarg blieb leer in der Gruft zurück.
Die Krypta macht St. Augustin damit zu einem Erinnerungsort von internationaler Bedeutung. Unter einer vergleichsweise zurückhaltenden Coburger Pfarrkirche verbirgt sich ein dynastisches Gedächtnis, das weit über die Geschichte der Stadt hinausweist.
Veränderungen im Kirchenraum
Auch der Innenraum von St. Augustin blieb nicht unverändert. Um 1960 wurde die neugotische Ausstattung weitgehend entfernt beziehungsweise umgestaltet. Diese Arbeiten standen im Zusammenhang mit einem allgemeinen Wandel des katholischen Kirchenbaus und der Liturgie. Der reich ausgestattete historische Raum sollte heller, übersichtlicher und stärker auf Altar und Gottesdienstgemeinde ausgerichtet werden.
Aus dieser Phase stammen die langgestreckten, vergoldeten Figuren der Muttergottes mit Kind und des heiligen Augustinus, die der Schweinfurter Bildhauer Heinrich beziehungsweise Hans Söller schuf. Sie erinnern an die damals bevorzugte Verbindung aus moderner Form und traditionellem religiösem Bildprogramm.
Eine weitere wichtige Veränderung war der Neubau der Orgel im Jahr 2007 durch die Werkstatt Johannes Rohlf. Sie führt die musikalische Tradition fort, die bereits bei der Kirchenweihe von 1860 mit einer Orgel des Nürnberger Orgelbauers Augustin Bittner begonnen hatte.
Sanierung und Öffnung zur Stadt
Zwischen 2014 und 2016 wurde St. Augustin umfassend saniert und neu gestaltet. Das Architekturbüro Brückner & Brückner verband die Restaurierung des historischen Kirchenbaus mit einer Neuordnung des Vorplatzes. Garagen und unpassende Nachkriegsanbauten verschwanden. Die zuvor teilweise verdeckte Apsis wurde wieder sichtbar gemacht.
An der Stelle der Garagen entstand ein moderner, kubischer Neubau mit einer Werktagskapelle für rund 30 Personen. Durch ein großes, bewegliches Portal kann sich dieser Raum zum Kirchenvorplatz öffnen. Altbau und Neubau wurden bewusst nicht historisierend miteinander verschmolzen. Der moderne Kubus bleibt als Ergänzung des 21. Jahrhunderts erkennbar, nimmt sich aber in Material, Proportionen und Farbgebung gegenüber der neugotischen Kirche zurück. Der neu gestaltete Vorplatz sollte St. Augustin zugleich stärker zur Stadt und zu den vorbeikommenden Menschen öffnen.
Damit folgt die jüngste Bauphase einem anderen Leitbild als die Umgestaltungen der 1960er- und 1970er-Jahre. Statt historische Bauteile durch zeitgemäße Lösungen zu verdrängen, sollten die verschiedenen Zeitschichten sichtbar bleiben. Die Kirche erscheint heute nicht als unverändertes Denkmal des Jahres 1860, sondern als Bauwerk, an dem sich mehr als anderthalb Jahrhunderte religiöser, architektonischer und gesellschaftlicher Veränderungen ablesen lassen.
Ein steinernes Zeugnis der Coburger Stadtgeschichte
St. Augustin ist weit mehr als die katholische Pfarrkirche am Hofgarten. Sie erinnert an eine religiöse Minderheit, die sich nach Jahrhunderten wieder dauerhaft in Coburg etablierte. Ihre neugotische Architektur veranschaulicht die Suche des 19. Jahrhunderts nach historischen Vorbildern. Die Kohárygruft verbindet den Ort mit der europäischen Geschichte des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha. Das verschwundene Bürglaßtor verweist auf die Verluste der verkehrsorientierten Stadtplanung, während die Sanierung von 2014 bis 2016 einen behutsameren Umgang mit dem historischen Bestand erkennen lässt.
Gerade der Vergleich historischer und heutiger Ansichten macht diese vielschichtige Geschichte sichtbar. Die Kirche selbst blieb bestehen – doch ihre Umgebung, ihre Ausstattung und ihre Bedeutung veränderten sich immer wieder. St. Augustin ist deshalb nicht nur ein Gotteshaus, sondern ein steinernes Geschichtsbuch über Konfession, Dynastie, Architektur und Stadtentwicklung in Coburg.
Nach der aktuellen Denkmalliste wurde das Haus im Jahr 1853 errichtet. Bauherr war der Coburger Malermeister Carl Halter. Das Gebäude entstand somit noch vor der benachbarten Kirche St. Augustin, deren Grundstein erst 1855 gelegt und die 1860 geweiht wurde. Ursprünglich handelte es sich also nicht um einen eigens geplanten kirchlichen Verwaltungsbau, sondern um ein privates Wohnhaus, das erst nachträglich eine neue Funktion erhielt.
Die Denkmalliteratur berichtet, Halter habe das Anwesen bereits ein Jahr nach seiner Errichtung an die katholische Kirchengemeinde verkauft. Seit 1860 wurde es als Pfarrhaus genutzt. Damit fiel seine endgültige Umwandlung in ein kirchliches Gebäude genau in jene Zeit, in der auch die neue Pfarrkirche fertiggestellt und geweiht wurde. Kirche und Pfarrhaus bildeten fortan den organisatorischen und geistlichen Mittelpunkt der katholischen Gemeinde.
Architektonisch unterscheidet sich das Pfarrhaus deutlich von der benachbarten Kirche. Während St. Augustin mit Spitzbogenfenstern, Strebepfeilern, Fialen und einem hohen Dachreiter bewusst an mittelalterliche Kirchenbauten erinnert, zeigt das Pfarrhaus die zurückhaltenden Formen des Spätklassizismus.
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege beschreibt es als zweigeschossiges Satteldachgebäude mit Zwerchhaus. Seine Konstruktion besteht aus Fachwerk auf einem massiven Quadersockel. Das mittig angeordnete Zwerchhaus – ein quer zum Hauptdach stehender, eigener Dachaufbau – unterstreicht die symmetrische Gliederung des Hauses. Auf übermäßigen Bauschmuck wurde verzichtet. Gerade diese schlichte, ausgewogene Gestaltung entspricht dem Charakter eines gehobenen bürgerlichen Wohnhauses aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Seine Bedeutung liegt daher nicht in einer besonders prunkvollen Fassade. Vielmehr dokumentiert das Haus den Übergang vom spätklassizistischen Wohnbau zum späteren Villenviertel am Festungsberg. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege beschreibt dieses Viertel als ein seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entstandenes, stark durchgrüntes Wohnquartier. Ab den 1860er-Jahren wurden entlang der Festungsstraße zahlreiche Villen in neugotischen, historistischen und später auch jugendstilgeprägten Formen errichtet. Das Pfarrhaus gehört zu den frühesten erhaltenen Gebäuden dieser Entwicklung.
Katholisches Leben in einer protestantisch geprägten Residenzstadt
Die Geschichte des Hauses lässt sich nur vor dem Hintergrund der konfessionellen Entwicklung Coburgs verstehen. Mit der Einführung der Reformation endete im 16. Jahrhundert das reguläre katholische Gemeindeleben in der Stadt. Erst am 25. März 1802 konnte wieder ein katholischer Gottesdienst gefeiert werden – zunächst in einem nur etwa 15 Quadratmeter großen Zimmer in der Ketschengasse 1. Seit 1806 stand der Gemeinde die Nikolauskapelle zur Verfügung.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Katholiken zu. Im Jahr 1851 trat unter der Protektion von Prinz August von Sachsen-Coburg-Koháry ein Komitee zusammen, das den Bau einer eigenen katholischen Kirche vorbereitete. Um 1860 lebten ungefähr 600 Katholiken in Coburg. Am 28. August 1860, dem Gedenktag des heiligen Augustinus, weihte der Bamberger Erzbischof Michael von Deinlein die neue Kirche samt Orgel und drei Glocken.
Das Pfarrhaus wurde damit Teil eines sichtbar gewordenen katholischen Neubeginns. Die Gemeinde verfügte nun nicht mehr nur über einen Gottesdienstraum, sondern über eine dauerhafte Infrastruktur: Kirche, Pfarrwohnung, Verwaltung und später auch Schule. Das Haus Festungsstraße 2 steht daher für die institutionelle Festigung des katholischen Lebens in einer Stadt, die seit der Reformation überwiegend evangelisch geprägt gewesen war. Ein Gebäude, das älter ist als die fertige Kirche
Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis für die frühe Geschichte des Pfarrhauses ist eine Fotografie des englischen Fotografen Francis Bedford aus dem Jahr 1857. Bedford war von Königin Victoria beauftragt worden, Ansichten von Coburg und seiner Umgebung aufzunehmen. Die Fotografien wurden zu einem Album mit 60 Motiven zusammengestellt, das als Geschenk für Prinz Albert bestimmt war.
Auf einer vom Turm der Morizkirche aufgenommenen Stadtansicht ist St. Augustin noch als Baustelle zu erkennen. Das Pfarrhaus steht dagegen bereits fertig am unteren Festungsberg. Damit dokumentiert die Aufnahme anschaulich, dass das Wohnhaus Carl Halters dem vollendeten Kirchenbau zeitlich vorausging. Das historische Bild gehört heute zu den Kunstsammlungen der Veste Coburg.
Kirche, Pfarrhaus und katholische Schule
Zum kirchlichen Ensemble gehörte außerdem das benachbarte Anwesen Festungsstraße 2a. Nach den Quellen erwarb die katholische Gemeinde dort zunächst den sogenannten Rosenauer Stadel, der während des Kirchenbaus als Bauhütte diente. Seit 1861 wurde das Gebäude als Schulhaus genutzt. Im Jahr 1883 entstand an seiner Stelle ein Neubau nach Plänen von Hans Rothbart.
Die unmittelbare Nachbarschaft von Kirche, Pfarrhaus und Schule verdeutlicht, wie eng Seelsorge, Bildung und Gemeindeverwaltung im 19. Jahrhundert miteinander verbunden waren. Rund um St. Augustin entstand ein kleines katholisches Zentrum, das nicht nur dem Gottesdienst diente, sondern auch den Alltag der Gemeindemitglieder prägte.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die katholische Bevölkerung Coburgs durch den Zuzug von Flüchtlingen und Heimatvertriebenen stark an. Aus dem ursprünglich großen Pfarrgebiet von St. Augustin gingen in der Folge mehrere Tochterpfarreien hervor. Das kleine Pfarrhaus aus der Mitte des 19. Jahrhunderts blieb dennoch ein wichtiger Bezugspunkt der Gemeinde.
Vom Pfarrhaus zum örtlichen Pfarrbüro
Heute befindet sich in der Festungsstraße 2 weiterhin das lokale Pfarrbüro von St. Augustin. Das gemeinsame zentrale Pfarrbüro des katholischen Seelsorgebereichs Coburg Stadt und Land ist inzwischen in der Spittelleite 40 untergebracht; auch das größere Pfarr- und Dekanatszentrum befindet sich nicht mehr im historischen Pfarrhaus, sondern in der Oberen Klinge 1a. Die Festungsstraße 2 bleibt jedoch die traditionsreiche örtliche Anlaufstelle der Pfarrei St. Augustin.
Damit erfüllt das Gebäude weiterhin eine Funktion, die sich unmittelbar aus seiner Geschichte entwickelt hat. Es ist kein museal erstarrtes Denkmal, sondern ein bis heute genutztes Haus. Hinter seiner spätklassizistischen Fassade verbinden sich privates Wohnen, kirchliche Verwaltung, Seelsorge und mehr als 160 Jahre katholische Gemeindegeschichte.
Ein stilles Denkmal der Stadtgeschichte
Das Pfarrhaus Festungsstraße 2 gehört nicht zu den auffälligsten Bauwerken Coburgs. Neben der hoch aufragenden Kirche St. Augustin wirkt es beinahe bescheiden. Gerade darin liegt jedoch sein besonderer Reiz. Es erzählt nicht von höfischer Repräsentation oder spektakulärer Architektur, sondern von der langsamen Rückkehr und dauerhaften Verankerung katholischen Lebens in der Stadt.
Als ehemaliges Wohnhaus eines Coburger Handwerksmeisters, als frühes Gebäude am Festungsberg, als Pfarrwohnung und Verwaltungsort ist es ein wichtiger stadtgeschichtlicher Zeuge. Zusammen mit der Kirche und dem ehemaligen Schulhaus macht es sichtbar, wie sich eine kleine Glaubensgemeinschaft im 19. Jahrhundert neue Räume schuf – und wie aus einem privaten Wohnhaus ein dauerhafter Mittelpunkt kirchlichen Lebens wurde.