Wer heute die Festungsstraße hinaufgeht, erlebt den Festungsberg vor allem als vornehmes Villenviertel. Historistische Wohnhäuser, parkartige Grundstücke und die katholische Stadtpfarrkirche St. Augustin bestimmen das Bild. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Gebiet jedoch wesentlich lockerer bebaut. Gärten, kleine Gartenhäuser und mehrere beliebte Sommerwirtschaften lagen an den Hängen unterhalb der Veste. Zu ihnen gehörte der Biergarten der Coburger Casinogesellschaft, gewöhnlich kurz Casinogarten genannt.
Der Casinogarten befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu St. Augustin. Die Kirche wurde zwischen 1855 und 1860 nach Plänen von Vincenz Fischer-Birnbaum errichtet. Der Biergarten bestand zu dieser Zeit bereits und blieb noch einige Jahre nach der Fertigstellung des Kirchenbaus in Betrieb. Damit trafen am Festungsberg für kurze Zeit zwei unterschiedliche Entwicklungen aufeinander: die ältere Nutzung als Garten- und Erholungsgebiet und die beginnende repräsentative Bebauung des späteren Villenviertels. Ein Katasterplan macht die Ausdehnung sichtbar
Der historische Katasterauszug im Anhang vermittelt erstmals einen anschaulichen Eindruck von der Größe und inneren Gliederung der Anlage. Das mit der Nummer 98 bezeichnete Grundstück war der eigentliche Casinogarten. Es handelte sich nicht lediglich um eine kleine, einem Wirtshaus vorgelagerte Ausschankfläche, sondern um ein ausgedehntes, parkartig gestaltetes Areal.
Zahlreiche Baumsymbole zeigen einen reichen Bestand an Laub- oder Obstbäumen. Geschwungene und teilweise gestrichelte Linien lassen Wege erkennen, die durch das Grundstück führten. Im südöstlichen Bereich befand sich eine größere, weitgehend freie Gartenfläche. Sie dürfte den Gästen als Aufenthaltsbereich gedient haben und bot Raum für Tische, Bänke und gesellige Veranstaltungen.
Besonders aufschlussreich sind die eingezeichneten Gebäude. Am südöstlichen Rand des Grundstücks lag das Wirtsgebäude, das von der vorbeiführenden Straße aus erreichbar war. Entlang der östlichen Grundstücksgrenze erstreckte sich ein auffallend langer und schmaler Bau. Seine Form entspricht der für historische Kegelbahnen typischen langgestreckten Bauweise. Der Katasterauszug bestätigt damit, dass der Casinogarten über eine eigene, wahrscheinlich überdachte Kegelbahn verfügte.
Der Plan zeigt somit eine regelrechte Ausflugsgaststätte mit drei deutlich voneinander unterscheidbaren Bereichen: dem Wirtschaftsgebäude, der Kegelbahn und dem weitläufigen Garten. Die Anlage war erheblich größer, als die häufig verwendete Ortsangabe „auf dem Grundstück der heutigen Villa Festungsstraße 4“ zunächst vermuten lässt.
13888,1.jpg - Bild entfernt (keine Rechte) Ehemaliges Casinogebäude in der Theatergasse
Das Gelände umfasste mehrere spätere Grundstücke
Auswertungen historischer Coburger Adressbücher unterstützen diesen Befund. Für das Jahr 1860 wird der Biergarten der Casinogesellschaft nicht nur im Zusammenhang mit dem späteren Anwesen Festungsstraße 4 genannt. Auch die Grundstücksgeschichten der heutigen Häuser Festungsstraße 3 und 3a beginnen mit dem Hinweis auf den Casinogarten. Als Inhaber beziehungsweise Betreiber erscheint jeweils der Gastwirt Christian Friedebach.
Der Katasterplan und die Adressbuchangaben ergänzen sich damit gegenseitig. Das mit der Nummer 98 bezeichnete Gartengrundstück wurde bei der späteren Erschließung offenbar geteilt beziehungsweise mit angrenzenden Flächen neu geordnet. Auf Teilen des ehemaligen Casinogartens entstanden anschließend die Anwesen Festungsstraße 3, 3a und 4.
Der Mittelpunkt des alten Gartens dürfte zwar im Bereich der heutigen Villa Festungsstraße 4 gelegen haben. Der Gesamtbetrieb erstreckte sich jedoch über eine wesentlich größere Fläche. Der Casinogarten war damit eine der umfangreicheren gastronomischen Anlagen am damaligen Stadtrand. Was bedeutete der Name „Casino“?
Der Name darf nicht mit einer heutigen Spielbank verwechselt werden. Im Sprachgebrauch des 19. Jahrhunderts bezeichnete ein „Casino“ häufig ein Gesellschaftshaus beziehungsweise eine Vereinigung, deren Mitglieder sich zu Unterhaltung, Bildung und geselligem Austausch trafen. Solche Gesellschaften waren besonders unter Angehörigen des gehobenen Bürgertums, höheren Beamten, Offizieren und wirtschaftlich erfolgreichen Bürgern verbreitet.
Auch in Coburg bestand eine solche Casinogesellschaft. Sie erwarb 1816 ein Anwesen in der Theatergasse 1 und ließ es für ihre Zwecke umbauen. Im Staatsarchiv Coburg befindet sich eine Akte über die „Errichtung der Casinogesellschaft“ mit einer Laufzeit von 1817 bis 1857. Das Gesellschaftshaus in der Theatergasse ging 1858 in die Nutzung als Freimaurerloge über und wurde in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 zerstört.
Der Garten am Festungsberg bildete gewissermaßen das sommerliche Gegenstück zu den Gesellschaftsräumen in der Innenstadt. Während man sich im Winter oder bei offiziellen Anlässen im Haus in der Theatergasse versammelte, bot der Casinogarten während der warmen Jahreszeit Gelegenheit zu Aufenthalt und Unterhaltung im Freien.
Wirtschaftsgebäude des Casinogartens an der Oberen Klinge
Ein Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft
Nach den Adressbuch- und Werbehinweisen richtete sich der Casinogarten vornehmlich an die „bessere Gesellschaft“. Die Gäste kamen vermutlich nach einem Spaziergang durch den Hofgarten hierher, um den Nachmittag bei Bier oder Kaffee ausklingen zu lassen. Dass neben Bier auch Kaffee ausgeschenkt wurde, spricht für den Charakter eines gehobenen Garten- und Ausflugslokals.
Die unmittelbare Nähe zum Hofgarten war ein entscheidender Standortvorteil. Der Festungsberg gehörte zu den bevorzugten Spaziergebieten der Residenzstadt. Von der Innenstadt aus war der Casinogarten bequem zu Fuß zu erreichen, zugleich lag er außerhalb der engeren und dicht bebauten Altstadt. Die schattigen Bäume, die erhöhte Lage und der Blick in die umgebende Gartenlandschaft machten den Ort besonders im Sommer attraktiv.
Die Kegelbahn war dabei mehr als eine bloße Nebeneinrichtung. Das Kegeln gehörte im 19. Jahrhundert zu den beliebtesten geselligen Freizeitbeschäftigungen. Die Bahn bot den Gästen Unterhaltung und ermöglichte der Gesellschaft, gemeinsame Wettbewerbe oder kleinere Festveranstaltungen auszurichten. Ihre wahrscheinlich überdachte Ausführung verlängerte die Nutzbarkeit auch bei ungünstiger Witterung.
Wie das Wirtsgebäude im Einzelnen ausgestattet war, ist bislang nicht überliefert. Der Katasterplan zeigt jedoch einen festen Baukörper und widerlegt damit die Vorstellung eines ausschließlich aus einfachen Bretterbuden und offenen Ausschankständen bestehenden Biergartens.
Biergartenkultur am alten Festungsberg
Der Casinogarten war nicht die einzige Sommerwirtschaft in diesem Gebiet. Am Festungsberg bestanden zeitweise drei größere Biergärten: der Fischersgarten in der Nähe der späteren Oberen Klinge, der Casinogarten hinter beziehungsweise östlich von St. Augustin und der Frommannsgarten weiter oben an der Festungsstraße. Letzterer entwickelte sich später zum Ausflugslokal „Wilhelmshöhe“.
Für den benachbarten Fischersgarten ist eine vergleichsweise einfache Ausstattung überliefert. Dort standen ein Gartenhaus, offene Hütten und eine Sandkegelbahn. Die Besucher saßen an langen, ungestrichenen Holztischen und Bänken. Bier wurde in sogenannten Schlotterkrügen ausgeschenkt; die Gäste brachten ihre Brotzeit teilweise selbst mit. Ziehharmonikamusik, Windlichter und Öllampen sorgten für Unterhaltung und Beleuchtung.
Diese Beschreibung darf nicht unverändert auf den Casinogarten übertragen werden. Sie vermittelt jedoch einen Eindruck von der allgemeinen Coburger Biergartenkultur jener Zeit. Der Casinogarten dürfte sich durch sein festes Wirtsgebäude, seine überdachte Kegelbahn und seine gesellschaftlich gehobene Ausrichtung von den einfacheren Kellerwirtschaften unterschieden habe
Für das Jahr 1860 ist Christian Friedebach als Inhaber des Casino-Biergartens nachgewiesen. Seine Nennung bei mehreren späteren Hausgrundstücken zeigt, dass er nicht nur einen kleinen Ausschank, sondern eine zusammenhängende größere Anlage bewirtschaftete.
Friedebach trat auch an anderer Stelle als Betreiber eines Gartenlokals hervor. Im Jahr 1866 erwarb er Grundstücke am Plattenäcker und richtete dort einen Biergarten ein. Aus dieser Anlage entwickelte sich später das bekannte Ausflugslokal „Capelle“. Dies deutet darauf hin, dass Friedebach über Erfahrung im Betrieb von Sommer- und Ausflugsgaststätten verfügte und möglicherweise bereits nach einem neuen Standort suchte, als sich das Ende des Casinogartens abzeichnete.
Vom Biergarten zum Villenviertel
In den Jahren 1866 und 1867 begann die Aufteilung und Bebauung des ehemaligen Gartengeländes. Auf dem späteren Grundstück Festungsstraße 3 ließ der Gastwirt Ferdinand Wustlich 1866 ein neues Wohnhaus errichten. Ein Jahr später entstand auf dem Areal der späteren Nummer 3a ein Wirtschaftslokal. Ebenfalls 1867 ließ der Kaufmann Oscar Straßburger auf dem Grundstück Festungsstraße 4 eine Villa erbauen.
Diese Villa ist bis heute erhalten. Der neugotische Bau mit Satteldach, Zwerchhausrisalit, Erker, geschlossener Veranda und Aussichtsturm wurde von dem Coburger Architekten Hans Rothbart entworfen. Die Bayerische Denkmalliste führt das Gebäude als Baudenkmal.
Das Ende des Casinogartens war Teil eines umfassenderen städtebaulichen Wandels. Nach Angaben des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege entstanden entlang des Hofgartens seit 1867 stattliche Villen, vornehmlich in neugotischer Formensprache. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich daraus ein charakteristisches Villenquartier mit Bauten des Spätklassizismus, Historismus, Jugend-, Reform- und Heimatstils.
Aus einem locker bebauten Erholungsgebiet mit Gartenwirtschaften wurde damit eine der bevorzugten Wohnlagen Coburgs. Die Parzellierung des Casinogartens steht beispielhaft für diesen Wandel.