Der Frommannsgarten im Urkataster von 1862, im unteren Bildbereich sind die beiden Hofgartenpavillons zu erkennen.
Noch bevor sich der Coburger Festungsberg im späteren 19. Jahrhundert zu einem bevorzugten Villenviertel entwickelte, war er ein beliebtes Ziel für Spaziergänger und Ausflügler. Zu den bekanntesten Einkehrmöglichkeiten gehörte der Biergarten der Familie Frommann. Er befand sich auf einem weitläufigen Grundstück im Bereich der heutigen Festungsstraße 9a und 9b, das sich bis zur heutigen Bergstraße erstreckte. Die erhöhte, damals noch vergleichsweise locker bebaute Lage verband die Nähe zur Stadt mit einer naturnahen Umgebung und machte die Anlage zu einem attraktiven Ziel der Coburger Bevölkerung.
Die Familie Frommann war über lange Zeit fest im wirtschaftlichen Leben der Stadt verankert. Ihr Stammhaus befand sich im Steinweg 15, das von 1658 bis 1919 in Familienbesitz blieb. Dort unterhielt der Bierwirt und Bäckermeister Georg Friedrich, genannt Fritz Frommann, seine Stadtwirtschaft. Das bis heute erhaltene Gebäude gehört zu den älteren Bürgerhäusern des Steinwegs und wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebaut. Die amtliche Denkmaldokumentation verzeichnet die lange Verbindung des Anwesens mit der Familie Frommann.
Als Ergänzung zur innerstädtischen Gastwirtschaft richtete Frommann am Festungsberg eine sogenannte Kellerwirtschaft ein. Solche Wirtschaften entstanden häufig dort, wo Bier in kühlen, in den Hang getriebenen Kellern gelagert wurde. Da das Bier unmittelbar am Lagerort ausgeschenkt werden konnte, entwickelten sich über den Kellern schattige Gartenwirtschaften. Der Frommannsche Biergarten gehört damit zu jener Gastronomiekultur, aus der die fränkischen Bierkeller und Biergärten hervorgingen.
Ein Ausflugsziel vor den Toren der Stadt
Die Anfänge der Wirtschaft werden bis in das frühe 19. Jahrhundert zurückgeführt. Für das Grundstück der heutigen Festungsstraße 9b ist bereits seit etwa 1804 eine Ausflugsgaststätte überliefert. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts erscheint sie als Kellerwirtschaft des Bierwirts Fritz Frommann. Von der Stadt aus konnte man sie über den Steinweg und den ansteigenden Weg zum Festungsberg erreichen. Der Besuch ließ sich mit einem Spaziergang zur Veste oder durch die Anlagen am Berghang verbinden.
Der Biergarten dürfte zunächst vergleichsweise einfach ausgestattet gewesen sein. Im Mittelpunkt standen der Ausschank des gelagerten Bieres, schattige Sitzplätze und die Aussicht über Teile der Stadt. Nach einer späteren Schilderung des Coburger Heimatforschers Ernst Eckerlein wurde das Bier in sogenannten Schlotterkrügen ausgeschenkt. Damit bewahrte die Wirtschaft eine ältere Form Coburger Bierkultur, bei der weniger ein aufwendig ausgestattetes Lokal als vielmehr das Zusammensitzen unter freiem Himmel im Vordergrund stand.
Der Frommannsche Garten war jedoch nicht nur ein gastronomischer Betrieb. Er bildete zugleich einen sozialen Begegnungsraum. Handwerker, Bürgerfamilien, Spaziergänger und Besucher der Veste konnten hier außerhalb der engen Altstadt zusammenkommen. Gerade an Sonn- und Feiertagen bot der Festungsberg die Möglichkeit, städtische Geselligkeit mit Naturerlebnis und Aussicht zu verbinden. Der Biergarten war somit Teil einer neuen bürgerlichen Freizeitkultur, die sich im 19. Jahrhundert zunehmend herausbildete.
Mit der Familie ist außerdem der bedeutende Germanist und Sprachforscher Georg Karl Frommann verbunden. Er wurde 1814 in Coburg als Sohn des Bierwirts geboren, besuchte das Gymnasium Casimirianum und arbeitete später als Lehrer, Sprachforscher und Bibliothekar. Seit 1853 war er am Germanischen Museum in Nürnberg tätig und stieg dort zum zweiten Vorstand auf. Bekannt wurde er besonders durch seine Forschungen zu den deutschen Mundarten und seine Bearbeitung von Johann Andreas Schmellers „Bayerischem Wörterbuch“. Die Deutsche Biographie würdigt ihn als einen bedeutenden Vertreter der Sprach- und Mundartforschung des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte des Biergartens berührt damit zugleich die Biografie einer über Coburg hinaus bedeutenden Persönlichkeit.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich der Charakter der Anlage. Aus der eher schlichten Kellerwirtschaft entwickelte sich eine anspruchsvollere Ausflugsgaststätte. Für 1864 ist Fritz Frommann noch als Gastwirt nachweisbar. 1872 wurde Thekla Frommann als Gastwirtswitwe geführt. Zu dieser Zeit begegnet für das Lokal bereits die Bezeichnung „Zur Wilhelmshöhe“.
Der Name dürfte nach der Reichsgründung von 1871 bewusst gewählt worden sein. Er konnte sowohl auf Kaiser Wilhelm I. als auch auf das Schloss Wilhelmshöhe bei Kassel anspielen, in dem der französische Kaiser Napoleon III. nach seiner Gefangennahme im Deutsch-Französischen Krieg interniert worden war. Die Benennung verlieh der Gaststätte einen patriotischen und zugleich vornehmen Klang. Eine eindeutige Erklärung für die Namenswahl ist allerdings bislang nicht belegt.
Die frühere Kellerwirtschaft wurde nun zu einer repräsentativen Gartenrestauration ausgebaut. Historische Beschreibungen nennen einen reich gestalteten Fachwerkbau, eine Kegelhalle und einen eigenen Ziehbrunnen. Eine Anzeige aus dem Jahr 1882 warb mit „schönen Gartenanlagen“, einer Marmorkegelbahn, einem Konzert- und Ballsaal sowie mit einheimischen und auswärtigen Bieren, feinen Weinen und guter Küche. Aus dem ursprünglichen Biergarten war damit ein vielseitiger Vergnügungs- und Veranstaltungsort geworden.
Die Marmorkegelbahn war ein besonders hervorgehobenes Ausstattungsmerkmal. Kegelbahnen gehörten im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten geselligen Einrichtungen größerer Gartenwirtschaften. Der Konzert- und Ballsaal ermöglichte darüber hinaus musikalische Veranstaltungen, Tanzvergnügen, Vereinsfeiern und Familienfeste. Die „Wilhelmshöhe“ richtete sich folglich nicht mehr allein an Spaziergänger, die ein Bier trinken wollten, sondern an ein breiteres, zunehmend anspruchsvolles Publikum.
Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels
Die Entwicklung des Frommannschen Biergartens spiegelt den Wandel Coburgs während des 19. Jahrhunderts wider. Die Stadt wuchs über ihre älteren Grenzen hinaus, und die Hänge um den Stadtkern wurden schrittweise erschlossen. Gleichzeitig veränderten sich die Freizeitgewohnheiten. Spaziergänge, Ausflüge, Gartenkonzerte und gesellige Zusammenkünfte gewannen im bürgerlichen Alltag an Bedeutung. Gaststätten am Stadtrand profitierten von dieser Entwicklung, weil sie Erholung, Aussicht und Unterhaltung miteinander verbanden.
Der Festungsberg nahm dabei eine besondere Stellung ein. Er war landschaftlicher Übergangsraum zwischen Stadt und Veste, zugleich aber auch ein Gebiet, das zunehmend mit Gartenhäusern, Ausflugslokalen und schließlich Villen bebaut wurde. Der Frommannsche Garten gehörte zu den Einrichtungen, die diesen Wandel frühzeitig prägten. Seine Geschichte zeigt, dass die spätere Wohnlage zunächst wesentlich durch Freizeitnutzung und Gastronomie erschlossen wurde.
Trotz ihrer aufwendigen Ausstattung konnte sich die „Wilhelmshöhe“ auf Dauer offenbar nicht als großer Vergnügungsbetrieb behaupten. Die Eigentümer und Betreiber wechselten mehrfach. Nach der Familie Frommann sind unter anderem Josef Reichardt und weitere Besitzer überliefert. Um 1890 wurde die Anlage in eine Molkereikuranstalt mit eigener Gastronomie umgewandelt. Dort reichte man morgens und abends frische Ziegenmilch. Unter dem Hofapotheker Günther wurde das gesundheitliche Angebot erweitert; bei Morgenmusik konnten die Gäste Brunnen- und Heilwässer zu sich nehmen. Dieser bemerkenswerte Wandel vom Biergarten zur Kuranstalt entsprach der zeitgenössischen Begeisterung für Naturheilkunde, Trinkkuren und gesundheitsfördernde Lebensweisen.
Die entscheidende Veränderung erfolgte 1893. Der Justizrat Richard Blanckmeister ließ die älteren Gebäude der ehemaligen „Wilhelmshöhe“ abbrechen. An ihrer Stelle errichtete die Coburger Bauunternehmung Bernhard Brockardt ein Institutsgebäude. Seit 1894 wurde das Anwesen als Erziehungsinstitut beziehungsweise Knabeninternat genutzt; 1897 kam ein weiterer Anbau hinzu. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte schließlich der Umbau zum Mietwohnhaus. Das heutige Baudenkmal Festungsstraße 9b erinnert durch seine historische Bezeichnung „Zur Wilhelmshöhe“ noch an die gastronomische Vergangenheit des Ortes. Eine knappe Bau- und Nutzungsgeschichte bietet die Denkmalliste zur Festungsstraße.
Von der ursprünglichen Kellerwirtschaft und ihren Gartenanlagen ist im heutigen Erscheinungsbild kaum noch etwas unmittelbar erkennbar. Dennoch besitzt der Ort eine erhebliche stadtgeschichtliche Bedeutung. Der Biergarten der Familie Frommann war Teil einer inzwischen weitgehend verschwundenen Ausflugskultur am Coburger Festungsberg. Er verband die innerstädtische Wirtschaft im Steinweg mit einem großzügigen Ausschank- und Erholungsort am Hang. Aus einer einfachen Kellerwirtschaft entwickelte sich eine vornehme Gartenrestauration mit Kegelbahn, Konzertsaal und weitläufigen Anlagen, ehe das Grundstück einer völlig anderen Nutzung zugeführt wurde.
Die Geschichte des Frommannschen Biergartens verdeutlicht damit beispielhaft, wie sich Coburg im 19. Jahrhundert veränderte: aus einer noch weitgehend abgeschlossenen Residenzstadt wurde eine Stadt, deren Bürger ihre Umgebung zunehmend als Freizeit-, Erholungs- und schließlich als Wohnraum erschlossen. Die spätere Bebauung hat den Garten verschwinden lassen, doch die Bezeichnung „Wilhelmshöhe“ und das Gebäude Festungsstraße 9b bewahren bis heute eine Erinnerung an jene Zeit, als die Coburger zum Biertrinken, Kegeln, Tanzen und Musikhören auf den Festungsberg hinaufstiegen.