Die Villa Festungsstraße 9a gehört zu jener Gruppe repräsentativer Wohnhäuser, die den Coburger Festungsberg im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert grundlegend veränderten. Aus einem zuvor nur locker bebauten Ausflugs- und Gartengebiet entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte eines der bevorzugten Wohnviertel der Stadt. Das heutige Villenquartier am Festungsberg ist gerade wegen dieser stilistischen Vielfalt – von Neugotik und Historismus bis hin zu Jugend-, Reform- und Heimatstil – als Ensemble von besonderer Bedeutung.
Die Vorgeschichte des Grundstücks führt allerdings weiter zurück. Das Areal der heutigen Häuser Festungsstraße 9a und 9b gehörte ursprünglich zu einem ausgedehnten Grundstück, das sich bis zur heutigen Bergstraße erstreckte. Hier befand sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kellerwirtschaft der Coburger Familie Frommann. Aus dem zunächst einfachen Biergarten entwickelte sich später die bekannte Ausflugsgaststätte „Zur Wilhelmshöhe“, die mit Gartenanlagen, Kegelbahn sowie Konzert- und Ballsaal ein beliebtes Ziel der Coburger Bevölkerung war. Damit gehörte das Gelände lange Zeit weniger zur eigentlichen Wohnstadt als vielmehr zur bürgerlichen Freizeitlandschaft am Weg zur Veste.
Eine grundlegende Veränderung setzte in den 1890er Jahren ein. Richard Blanckmeister, Justizrat und Institutsvorsteher, übernahm das Anwesen und ließ die älteren Gebäude der ehemaligen „Wilhelmshöhe“ beseitigen. Auf dem Bereich der heutigen Festungsstraße 9b entstand durch die Coburger Bauunternehmung Bernhard Brockardt ein Erziehungsinstitut beziehungsweise Knabeninternat. 1897 wurde dieses Gebäude durch einen Anbau von Gustav Keßler erweitert. Zwei Jahre später, 1899, entstand unmittelbar daneben das Wohnhaus Festungsstraße 9a. Die überlieferte Eigentümerfolge nennt Blanckmeister als Bauherrn; als Entwerfer der Villa ist wiederum Gustav Keßler belegt.
Architektonisch gehört die Villa zu den auffälligeren neugotischen Bauten des Coburger Festungsbergs. Keßler verwendete den neugotischen Formenschatz bewusst dekorativ und setzte ihn zur repräsentativen Wirkung des Hauses ein. Zur Straße hin wird das Gebäude von einem seitlich angeordneten Zwerchgiebelrisalit bestimmt. Ihm ist eine Veranda vorgelagert, zu der zwei rundbogige Fenstertüren führen. Besonders charakteristisch sind die über Eck gestellten Fialen am Giebel. In vereinfachter Form wiederholen sich solche Elemente an den seitlichen Giebeln und verleihen dem Gebäude seine unverwechselbare Silhouette. Die Fassadengestaltung wird zusätzlich durch Ziegel- und Sandsteingliederungen differenziert. Ein dreiseitiger Erker und die geschlossene Veranda verstärken den malerischen Charakter des Baukörpers.
Damit unterscheidet sich das Haus deutlich von der zurückhaltenderen Wohnarchitektur vieler zeitgleicher Gebäude. Die Neugotik war hier nicht Ausdruck einer tatsächlich mittelalterlichen Bautradition, sondern Teil der historistischen Architektur des späten 19. Jahrhunderts. Giebel, Fialen, Rundbogenöffnungen und unterschiedliche Materialien sollten dem Wohnhaus Individualität und eine repräsentative Erscheinung verleihen. Gerade diese bewusst inszenierte Architektur entsprach dem Charakter des Festungsbergs, auf dem wohlhabende Bürger und Angehörige des gehobenen Bürgertums ihre gesellschaftliche Stellung zunehmend auch durch die Gestaltung ihrer Wohnhäuser sichtbar machten. Die Villa erhielt bereits 1904 einen zusätzlichen Balkon, sodass ihr heutiges Erscheinungsbild schon wenige Jahre nach der Fertigstellung weiterentwickelt wurde.
Auch die späteren Bewohner spiegeln die gesellschaftliche Stellung des Hauses wider. Für 1919 wird der Oberingenieur Carl Press als Eigentümer beziehungsweise Bewohner genannt, für 1931 der Coburger Stadtkämmerer Edmund Volk. Volk gehörte später auch der politischen Führung der Stadt an und war von 1952 bis 1956 Zweiter Bürgermeister Coburgs. Diese Angaben beruhen auf einer aus historischen Adress- und Eigentümerdaten zusammengestellten Häuserchronik.
Besonders interessant ist die Festungsstraße 9a jedoch im Zusammenhang mit ihrem Nachbarhaus. Die beiden Anwesen stehen beispielhaft für einen tiefgreifenden Wandel des Festungsbergs: Wo im frühen 19. Jahrhundert noch Bier ausgeschenkt, gekegelt und später in der „Wilhelmshöhe“ getanzt und musiziert wurde, entstanden am Ende des Jahrhunderts ein privates Bildungsinstitut und eine repräsentative Villa. Innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelte sich damit ein traditionsreiches Ausflugsgrundstück in einen Teil des vornehmen Coburger Villenviertels.