Der heutige Festungshof gehört zu jenen Coburger Orten, deren Geschichte sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Das auffällige ehemalige Hotelgebäude lässt leicht vergessen, dass hier über Jahrhunderte Landwirtschaft betrieben wurde. Auf dem Höhenrücken östlich der Veste entstand aus einer herrschaftlichen Schäferei zunächst ein Kammergut und schließlich ein fast hundert Hektar umfassendes Domänengut. Seine Geschichte ist eng mit der wirtschaftlichen Versorgung der Veste, den Besitzverhältnissen des Coburger Herzogshauses und der späteren Erschließung des Festungsberges als Ausflugs- und Erholungsgebiet verbunden.
Der Standort liegt zwischen Festungsberg und Rögnersberg in Richtung der heutigen Brandensteinsebene. Vermutlich wurde das Gelände bereits im Mittelalter genutzt. Für die Mitte des 14. Jahrhunderts wird dort eine Einsiedelei angenommen, die noch auf einer Geleitstraßenkarte der Verbindung Coburg–Kulmbach von 1562 verzeichnet gewesen sein soll. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die ältere Bebauung offenbar beseitigt. Deutlicher fassbar wird die Geschichte anschließend durch eine Festungsschäferei, die für das 17. Jahrhundert belegt ist.
Zitat von Christian im Beitrag #1 ......................... Vermutlich wurde das Gelände bereits im Mittelalter genutzt. Für die Mitte des 14. Jahrhunderts wird dort eine Einsiedelei angenommen, die noch auf einer Geleitstraßenkarte der Verbindung Coburg–Kulmbach von 1562 verzeichnet gewesen sein soll. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die ältere Bebauung offenbar beseitigt..........................................................
Geleitstraßenkarte 1562, Bereich Coburg (Ausschnitt).jpg - Bild entfernt (keine Rechte)
Die Schafhaltung war für die damalige Landwirtschaft von erheblicher Bedeutung. Neben Fleisch lieferte sie vor allem Wolle und Dünger und erlaubte zugleich die Nutzung von Flächen, die sich für intensiven Ackerbau weniger eigneten. 1762 erhielt die herzogliche Schäferei außerhalb der Veste ein neues Schäferhaus. Damit wurde der landwirtschaftliche Betrieb an diesem Standort dauerhaft verankert. In den folgenden Jahrzehnten beschränkte sich die Bewirtschaftung nicht mehr allein auf die Schafhaltung. Die Pächter übernahmen zunehmend auch herrschaftliche Äcker und Wiesen auf dem Rögnersberg.
Aus dieser Entwicklung entstand ein regelrechter landwirtschaftlicher Vollbetrieb. Seit 1802 wurde er als „Kammergut Festungshof“ bezeichnet. Zum Anwesen gehörten eine Pächterswohnung mit angebautem Backhaus, eine Remise mit Brennerei, ein Kuhstall, ein Schafhaus und drei Städel. Der Festungshof war damit zu einem komplexen Wirtschaftshof geworden, in dem Viehhaltung, Ackerbau und Verarbeitung miteinander verbunden waren.
Der Begriff „Kammergut“ verweist zugleich auf die herrschaftliche Stellung des Betriebes. Güter dieser Art bildeten einen Teil der wirtschaftlichen Grundlage des Landesherrn und wurden üblicherweise verpachtet. Im 19. Jahrhundert geriet diese Konstruktion zunehmend in den Zusammenhang der sogenannten Coburger Domänenfrage. Unter Herzog Ernst II. wurde in den 1840er Jahren über die Abgrenzung zwischen herzoglichem Privatvermögen und staatlichem Vermögen gestritten. Der Konflikt führte schließlich zu einer Regelung, wonach die Einkünfte aus den Domänen in angemessenem Umfang auch zur Finanzierung der Staatsverwaltung beitragen sollten. Damit waren Güter wie der Festungshof nicht allein landwirtschaftliche Betriebe, sondern zugleich Bestandteil einer grundsätzlichen staats- und finanzpolitischen Auseinandersetzung im Herzogtum.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts begegnet für den Festungshof entsprechend die Bezeichnung Domänengut. Seine wirtschaftliche Bedeutung lässt sich auch an seiner Größe ablesen. 1888 umfasste der Hof 95,3 Hektar. Zum Betrieb gehörten also weit mehr als die Flächen unmittelbar um die Wirtschaftsgebäude; ausgedehnte Äcker, Wiesen und Weiden erstreckten sich in Richtung Rögnersberg und Brandensteinsebene.
Über viele Jahrzehnte wurde der Hof durch wechselnde Pächter bewirtschaftet. Für den Beginn des 19. Jahrhunderts ist Johann Nicol Angermüller überliefert. Ab 1806 hatten zeitweise die Gemeinden Unterlauter und Bertelsdorf die Domäne gemeinsam gepachtet. Es folgten unter anderem Johann Peter Fischer, Johann Valentin Bauersachs, Stephan Höhn, Johann Nicol Leuthäußer sowie Adam und Friedrich Späth. Die lange Reihe der Pächter verdeutlicht die Kontinuität des Festungshofes als regulär verpachtetes herrschaftliches Landgut.
Die letzte und zugleich bekannteste Phase der Domänengeschichte verbindet sich mit Gustav Ludwig Dietrich. Er übernahm den Festungshof 1890 und blieb bis zu dessen Auflösung der letzte Pächter. Dietrich gehörte um 1900 zu den wichtigen Persönlichkeiten der Coburger Landwirtschaft und hatte im Laufe seines Berufslebens mehrere Domänengüter bewirtschaftet. Unter seiner Ägide trat neben die Landwirtschaft bereits eine neue Funktion des Ortes. Gegenüber den Gutsgebäuden ließ er die sogenannte „Mooshütte“ errichten, eine mit Moos verkleidete Holzhütte, in der Spaziergänger Milch, Buttermilch und Butterbrot erhalten konnten. Die kleine Einrichtung wurde besonders bei Familien und Kindern beliebt.
Mit der Mooshütte deutete sich bereits der Wandel an, der den Festungsberg im frühen 20. Jahrhundert erfassen sollte. Die Umgebung der Veste wurde immer stärker als Spazier- und Ausflugsgebiet wahrgenommen. Der Festungshof lag dabei günstig: nahe der Veste, zugleich aber von Wald und offenen Flächen umgeben und mit weitem Blick auf Coburg. Die touristische Nutzung, die später das Erscheinungsbild des Ortes bestimmen sollte, begann somit nicht erst mit dem Hotelbau, sondern entwickelte sich bereits in den letzten Jahren der Domäne.
Gegen Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts entschloss sich die herzogliche Domänenverwaltung, den bisherigen Großbetrieb aufzugeben. Die Auflösung wurde bereits in den Jahren zuvor vorbereitet und 1910 endgültig vollzogen. Im Staatsarchiv Coburg hat sich hierzu die Landtagsakte mit dem eindeutigen Betreff „Auflösung des Domänengutes Festungshof sowie Erbauung eines Waldwärterhauses dort“ erhalten. Sie dokumentiert, dass die Aufgabe des Gutes keine beiläufige Veränderung, sondern eine förmliche Neuordnung des Areals war.
Mit dem Ende der Domäne änderte sich auch die Nutzung der zugehörigen Flächen. Besonders bedeutsam war die Brandensteinsebene, das größte zusammenhängende Wiesen- und Feldstück des Gutes. Sie wurde dem in Coburg stationierten III. Bataillon des 6. Thüringischen Infanterieregiments Nr. 95 als Exerzierplatz überlassen. 1913 richtete das Militär dort einen Flugstützpunkt ein, aus dem später der Flugplatz Coburg-Brandensteinsebene hervorging. Ein Raum, der lange überwiegend landwirtschaftlich genutzt worden war, erhielt damit zusätzlich eine militärische Funktion.
Auch das Zentrum der ehemaligen Domäne wurde grundlegend umgestaltet. Gustav Dietrich verließ den Festungshof im Februar 1910. An die Stelle der landwirtschaftlichen Gutsanlage trat ein repräsentativer Neubau nach Entwürfen des Berliner Architekturbüros Witt & Bischoff. Das 1910 errichtete, heute denkmalgeschützte Gebäude bildete die Grundlage des späteren Hotels Festungshof.
Ganz verschwunden ist die ältere Geschichte möglicherweise dennoch nicht. Nach Darstellung der heutigen Eigentümer des Anwesens Festungshof 2 soll das frühere Wohnhaus des Domänenpächters 1910 zerlegt und am benachbarten Standort als Waldwärterhaus wieder aufgebaut worden sein. Andere Darstellungen berichten dagegen, dass ein Arbeiterwohnhaus der Domäne nach Oeslau versetzt worden sei und am Festungshof ein neues Forsthaus entstand. Die Überlieferung zur Verlagerung einzelner Gebäude ist deshalb nicht völlig einheitlich. Eine endgültige Klärung müsste auf Grundlage der erhaltenen Bau- und Domänenakten des Staatsarchivs Coburg erfolgen.
Gerade diese Vielschichtigkeit macht den Festungshof zu einem bemerkenswerten Ort der Coburger Stadt- und Landesgeschichte. Auf demselben Höhenrücken lassen sich sehr unterschiedliche Nutzungen nachvollziehen: eine frühe Schäferei, ein herrschaftliches Kammergut, ein großflächiges Domänengut, schließlich Forstwirtschaft, Militär, Tourismus und Gastronomie. Die Auflösung von 1910 markiert dabei die entscheidende Zäsur.