An der Ecke Gartenstraße und Blumenstraße steht mit dem Haus Gartenstraße 1 eines der auffälligsten Wohngebäude der Coburger Heiligkreuzvorstadt. Seine Geschichte reicht in die Zeit um 1900 zurück, als sich das Stadtgebiet nördlich der Altstadt zunehmend verdichtete. Zugleich erinnert das Gebäude daran, dass Straßennamen und Hausnummern keineswegs unveränderlich sind: Zur Zeit seiner Erbauung lautete die Adresse noch Brückenstraße 1. Der heutige vordere Abschnitt der Gartenstraße gehörte ursprünglich zur Brückenstraße, die von der Heiligkreuzbrücke in Richtung Lauter führte.
Das Wohnhaus wurde 1902 für den Coburger Kaufmann Hermann Schmidt errichtet. Mit der Planung war Paul Schaarschmidt beauftragt worden, der sich kurz zuvor in Coburg niedergelassen und 1901 ein eigenes Baugeschäft gegründet hatte. Schaarschmidt entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem der wichtigsten Coburger Architekten und Baumeister des frühen 20. Jahrhunderts. Zahlreiche noch heute stadtbildprägende Häuser gehen auf ihn zurück. Gartenstraße 1 gehört zu seinen frühen selbständigen Entwürfen. Ursprünglich handelte es sich um ein Mietshaus mit vier Wohnungen.
Architektonisch nimmt das Gebäude eine besondere Stellung ein. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege führt Gartenstraße 1 heute unter der Denkmalnummer D-4-63-000-862 und beschreibt es als viergeschossiges, historisierendes Eckgebäude mit Krüppelwalmdach und Zwerchhausrisaliten mit geschweiften Giebeln. Die ausführlichere Denkmalbeschreibung macht deutlich, wie sorgfältig Schaarschmidt die exponierte Ecklage nutzte: Beide Straßenfronten werden durch vorspringende Zwerchhausrisalite gegliedert. Zur Gartenstraße tritt ein über zwei Geschosse reichender, neugotisch dekorierter Konsolerker hinzu. Große Kreuzstockfenster, ein Eckstrebepfeiler und eine kleine welsche Haube heben den Eckbereich zusätzlich hervor. Im Inneren hat sich unter anderem das Treppenhaus mit gedrechselten Geländersäulen erhalten.
Schon wenige Jahre nach seiner Fertigstellung wechselte das Anwesen offenbar den Besitzer. Die zusammengetragenen Angaben zur Geschichte der früheren Brückenstraße nennen für 1908 das Bankhaus Schraidt & Hoffmann. Dabei handelte es sich um ein traditionsreiches Coburger Bankhaus, das bereits im 19. Jahrhundert überregional tätig war. Für 1919 nennt die Häuserchronik den Werkmeister Karl Stündel, für 1955 die Stadt Coburg.
Das Jahr 1919 brachte auch eine bauliche Veränderung. In die markante Hausecke wurde damals ein Ladengeschäft mit kleiner Freitreppe eingebaut. Damit wandelte sich das ursprünglich reine Mietwohnhaus zumindest teilweise zu einem Wohn- und Geschäftshaus. Dieser Eingriff gehört mittlerweile selbst zur über hundertjährigen Baugeschichte des Gebäudes.
Damit ist Gartenstraße 1 weit mehr als lediglich ein schönes Gebäude aus der Zeit um 1900. Das Haus erzählt von der baulichen Erweiterung Coburgs, vom Wirken des Architekten Paul Schaarschmidt, von wechselnden Eigentümern und Nutzungen und zugleich von den Menschen, die hier lebten. Seine aufwendig gestaltete Architektur macht es zu einem markanten Zeugnis des Coburger Stadtbildes an der Schwelle vom Historismus zum Jugendstil. Seine Bewohnergeschichte verbindet das Gebäude darüber hinaus mit den politischen und gesellschaftlichen Brüchen des 20. Jahrhunderts.