Der Gemüsemarkt gehört zu jenen Orten der Coburger Innenstadt, deren heutiges Erscheinungsbild kaum noch erkennen lässt, welche Bedeutung sie einst für das alltägliche Wirtschaftsleben der Stadt besaßen. Mehrere Jahrzehnte lang kamen hier insbesondere Gärtner und Gemüsebauern aus dem Raum Bamberg und Hallstadt zusammen, um ihre Waren an die Coburger Bevölkerung zu verkaufen. Entstanden ist der Platz jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – als Ergebnis einer grundlegenden Neuordnung der innerstädtischen Märkte.
Der Gemüsehandel in der Spitalgasse
Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts besaß der Gemüsehandel keinen eigenen Platz. Die Händler boten ihre Waren vor allem in der Spitalgasse an. Dies wurde zunehmend zum Problem. Nach der Eröffnung des Coburger Bahnhofs im Jahr 1858 nahm der Verkehr in der Stadt deutlich zu. Gerade an Markttagen sorgten Verkaufsstände, Fuhrwerke und die mit Gemüse beladenen Wagen in der engen Spitalgasse für erhebliche Behinderungen. Hinzu kamen Beschwerden über Schmutz und Abfälle. Gleichzeitig veränderte sich das Selbstverständnis Coburgs: Als herzogliche Residenzstadt sollte die Innenstadt repräsentativer werden, und auch die Spitalgasse sollte sich stärker zu einer modernen Geschäftsstraße entwickeln.
Eine Verlegung des Gemüsehandels wurde deshalb schon früh diskutiert. Bürgermeister Oberländer schlug 1862 den neu angelegten Albertsplatz als Standort vor. Drei Jahre später wurde sogar über eine eigene Gemüseverkaufshalle im Bereich von Bader- und Webergasse nachgedacht. Beide Projekte konnten sich jedoch nicht durchsetzen.
Ein neuer Platz auf dem Gelände des Georgenspitals
Die entscheidende Möglichkeit eröffnete sich wenig später am damaligen Spitalhof. Das Areal gehörte zum historischen Georgenspital und wurde landwirtschaftlich genutzt. Nachdem der Pachtvertrag des letzten Bewirtschafters Anfang 1867 ausgelaufen war, untersuchte eine städtische Kommission den Gebäudebestand. Stallungen und Remisen erwiesen sich teilweise als baufällig; auch die benachbarte alte Mädchenschule befand sich in schlechtem Zustand. Statt erhebliche Summen in die Gebäude zu investieren, entschied sich die Stadt, das Gelände neu zu ordnen und hier einen großzügigen Gemüsemarkt anzulegen.
Noch 1867 und zu Beginn des folgenden Jahres wurde ein großer Teil des Spitalhofs abgebrochen. Auch die alte Mädchenschule verschwand, wodurch eine zusätzliche Verbindung zum Theaterplatz entstand. Der neue Platz erhielt zunächst den Namen Bürglaßplatz. Im Mittelpunkt blieb der ehemalige Brunnen des Spitalhofs erhalten. Zugänge bestanden zum Unteren Bürglaß, zum Steinweg und nun auch zum Theaterplatz. Auf Anregung des Stadtbaumeisters Julius Martinet wurde außerdem die städtische Waage an den neuen Markt verlegt.
Damit war nicht nur ein neuer Markt entstanden. Der Abbruch des Spitalhofs veränderte zugleich die städtebauliche Situation zwischen Steinweg, Bürglaß und Theaterplatz grundlegend. Noch heute zählt die Öffnung dieses Bereichs zu den charakteristischen Eingriffen in das Coburger Stadtgefüge des 19. Jahrhunderts. Auch die amtliche Denkmalliste hebt den durch den Abbruch des Spitalhofs geschaffenen Gemüsemarkt als Bestandteil des historischen Stadtbildes hervor.
Der erste Markt im Jahr 1869
Am 23. Oktober 1869 fand auf dem neuen Platz der erste offizielle Gemüsemarkt statt. 22 Händler boten ihre Waren an; vorgesehen war der Platz sogar für 38 Gemüsebauern.
Viele der Händler kamen aus Bamberg und Hallstadt. Gerade diese Verbindung sollte die Geschichte des Coburger Gemüsemarkts über viele Jahrzehnte bestimmen. Zunächst waren die Gärtner allerdings wenig begeistert von ihrem neuen Verkaufsplatz. Bei schlechtem Wetter verwandelte sich dessen unbefestigter Untergrund in Schlamm, in dem die schwer beladenen Wagen stecken blieben. Einige Händler drohten sogar, Coburg künftig zu meiden und ihre Waren stattdessen in Hildburghausen oder Sonneberg anzubieten. Die Stadt reagierte: 1870 wurde der Platz gepflastert.
Danach entwickelte sich der Markt schnell zu einer festen Institution. Zwischen den Gemüsefrauen aus dem Bamberger Raum und ihren Coburger Kundinnen entstanden langjährige Beziehungen. Nach 1875 setzte sich schließlich auch offiziell die Bezeichnung „Gemüsemarkt“ für den zuvor Bürglaßplatz genannten Platz durch.
Wie stark der Markt frequentiert wurde, zeigt eine bemerkenswerte Zählung aus dem Jahr 1896. Am Morgen des 15. August wurden innerhalb von nur zwei Stunden 485 Personen gezählt, die allein über den Zugang vom Steinweg zum Gemüsemarkt gelangten.
Die Händler aus dem Raum Bamberg prägten den Platz so sehr, dass ihre Herkunft selbst in die Geschichte der angrenzenden Häuser Eingang fand. Im Haus Gemüsemarkt 1 eröffnete 1887 eine Gastwirtschaft mit dem bezeichnenden Namen „Stadt Bamberg“. Die Bamberger Gemüsehändler wurden in Coburg mitunter scherzhaft als „Zwiebeltreter“ bezeichnet – ein Name, der zugleich an ihre wichtige Rolle beim traditionellen Coburger Zwiebelmarkt erinnert.
Auch baulich entwickelte sich der Platz weiter. An der Stelle des ehemaligen Pächterhauses des Spitalhofs entstand 1869 das heutige Gebäude Gemüsemarkt 1. Dabei wurde ein bemerkenswertes Relikt des Vorgängerbaus wiederverwendet: die 1737 entstandene Türrahmung mit der Darstellung des heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen. Sie erinnert bis heute an das Georgenspital, aus dessen Wirtschaftshof der Gemüsemarkt hervorgegangen war.
Zeitweise entstanden rund um den Markt auch gastronomische Angebote. Neben der „Stadt Bamberg“ bestand zwischen 1897 und 1905 die Restauration „Zum Gemüsemarkt“ im Haus Nummer 3. Für die stark angewachsene Zahl der Marktbesucher musste zudem die Infrastruktur verbessert werden: 1890 errichtete die Stadt ein gusseisernes öffentliches Bedürfnisanstalt, die 1910 durch eine neue Anlage ersetzt wurde.
Der Platz entwickelte sich darüber hinaus zu einem kleinen gewerblichen Zentrum. Auch die Coburger Pressegeschichte hinterließ hier ihre Spuren: Das 1886 gegründete Coburger Tageblatt verlegte seine Druckerei bereits 1888 an den Gemüsemarkt 1.
Noch 1931 waren 23 Gemüsehändler auf dem Coburger Gemüsemarkt vertreten. Doch gleichzeitig kündigte sich eine Entwicklung an, die den Charakter des Platzes grundlegend verändern sollte: die Motorisierung. Bereits 1928 eröffnete am Gemüsemarkt 2 eine der frühen Coburger Tankstellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg beanspruchte der Autoverkehr zunehmend den öffentlichen Raum. Der historische Gemüsemarkt verwandelte sich immer stärker in eine Verkehrs- und Parkplatzfläche.
Damit wiederholte sich gewissermaßen die Geschichte: Rund acht Jahrzehnte zuvor war der Gemüsemarkt aus der Spitalgasse verdrängt worden, weil er dort den zunehmenden Verkehr behinderte. Nun vertrieb der Verkehr die Händler auch von dem eigens für sie angelegten Platz.
Ein besonders sichtbarer Einschnitt erfolgte 1969. Der ehemalige Spitalhofbrunnen, der nach der Anlage des Platzes als Gemüsemarktbrunnen weiterbestanden hatte, wurde entfernt. Gleichzeitig wurde der Platz verkehrstechnisch umgestaltet und eine Durchfahrt in Richtung Georgengasse und Theaterplatz geschaffen.
Das historische Marktareal verlor damit weitgehend seine ursprüngliche Funktion. In den folgenden Jahrzehnten dominierte zunehmend die Nutzung als Parkplatz.
Eine Tradition lebt weiter
Ganz verschwunden ist der Coburger Gemüsemarkt jedoch nicht. Er hat lediglich seinen Standort gewechselt. Heute findet der unter diesem Namen geführte Markt jeden Dienstag und Freitag von 8 bis 13 Uhr auf dem Coburger Marktplatz statt. Noch immer gehören Direktvermarkter und Gemüsebauern aus der Bamberger Gegend zu seinen Beschickern. Damit lebt eine Verbindung fort, deren Wurzeln bis in das 19. Jahrhundert zurückreichen