Das Coburger Tageblatt gehört zu den traditionsreichsten noch bestehenden Institutionen der Coburger Medienlandschaft. Seit seiner Gründung im Jahr 1886 hat die Zeitung mehrere politische Systeme, zwei Weltkriege, die nationalsozialistische Diktatur, eine erzwungene Unterbrechung ihres Erscheinens und schließlich den grundlegenden Wandel der Medienwelt im digitalen Zeitalter erlebt. Ihre Geschichte ist deshalb weit mehr als eine reine Verlagsgeschichte. An ihr lässt sich zugleich nachvollziehen, wie sich Öffentlichkeit, politische Meinungsbildung und gesellschaftliche Kommunikation in Coburg seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert verändert haben.
Eine liberale Neugründung im Jahr 1886
Die erste reguläre Ausgabe des Coburger Tageblatts erschien am 1. Juli 1886. Zu den maßgeblichen Initiatoren gehörte der Coburger Hofbuchhändler Ernst Friedrich Riemann. Alfred Sauerteig beschrieb die Gründung später in seiner 1949 erschienenen „Coburger Zeitungsgeschichte“ als gemeinsames Unternehmen einer Reihe „liberal gesinnter Männer“ und Riemanns. Bereits der ausführliche Untertitel – „General-Anzeiger für Stadt und Land – Organ für Politik, Lokalgeschichte, Handels- und Geschäftsverkehr“ – verdeutlichte den umfassenden Anspruch des neuen Blattes. Neben politischen Nachrichten sollten lokale Ereignisse ebenso berücksichtigt werden wie Informationen aus Handel, Landwirtschaft und Industrie. Das Tageblatt verstand sich damit von Beginn an sowohl als Nachrichtenmedium als auch als wirtschaftliches und gesellschaftliches Kommunikationsforum für Stadt und Coburger Land. Stadtgeschichte Coburg Die Zeitung trat in eine bereits entwickelte Coburger Presselandschaft ein. Seit 1861 bestand die Coburger Zeitung, die ursprünglich auf Initiative Herzog Ernsts II. entstanden war und sich später stärker national- beziehungsweise rechtsliberal und schließlich nationalkonservativ orientierte. Mit dem Coburger Tageblatt erhielt die liberale Öffentlichkeit nun ein eigenes, zunehmend einflussreiches Medium. Damit spiegelte die Coburger Presse jene politische Ausdifferenzierung wider, die für das Kaiserreich charakteristisch war: Zeitungen waren damals meist wesentlich deutlicher als heute bestimmten politischen Milieus zuzuordnen. Wikipedia Die ersten Druck- und Vertriebsräume des Tageblatts befanden sich im Hintergebäude Steingasse 16. Bereits 1888 wurden zusätzliche Annahmestellen für Anzeigen und Abonnements in Sonnefeld und Neustadt bei Coburg eingerichtet – ein frühes Indiz dafür, dass sich die Zeitung keineswegs allein an die Einwohner der Residenzstadt richtete. Noch im selben Jahr wechselte der Betrieb wegen des steigenden Platzbedarfs zum Gemüsemarkt 1. 1904 kam das Anwesen Oberer Bürglaß 5 hinzu.
Zwischen 1893 und 1908 prägte Otto Kirchhof aus Sondershausen die Zeitung als Herausgeber. 1908 übernahm Friedrich Colbatzky (1870–1942) die verlegerische Verantwortung. Mit ihm begann eine besonders wichtige Phase in der Entwicklung des Tageblatts. Colbatzky hielt grundsätzlich an der liberalen Ausrichtung fest, bemühte sich zugleich jedoch um eine breitere Verankerung des Blattes in der Bevölkerung.
Welche politische Bedeutung Tageszeitungen damals besaßen, wurde besonders nach dem Ende des Ersten Weltkriegs deutlich. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie und der Entstehung des Freistaates Coburg stellte sich 1919 die Frage, ob Coburg Teil des geplanten neuen Landes Thüringen werden oder sich Bayern anschließen sollte. Die Coburger Presse beteiligte sich intensiv an dieser Auseinandersetzung. Während das sozialdemokratische Coburger Volksblatt überwiegend für die thüringische Lösung eintrat, boten sowohl die Coburger Zeitung als auch das demokratisch-liberale Coburger Tageblatt vor allem den Befürwortern eines Anschlusses an Bayern Raum. Bei der Volksbefragung am 30. November 1919 sprachen sich schließlich 88,3 Prozent der gültig Abstimmenden gegen den Anschluss an Thüringen aus; dies wurde politisch als Entscheidung für Bayern interpretiert. Die Stadt Coburg selbst hebt hervor, dass Colbatzky und sein Tageblatt mit ihrer Berichterstattung und Kommentierung an dieser öffentlichen Meinungsbildung beteiligt waren.
In den 1920er Jahren entwickelte sich das Tageblatt zu einem wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen. Mit wachsender Auflage reichten die älteren Betriebsräume nicht mehr aus. 1926 ließ Friedrich Colbatzky an der Mohrenstraße 17 ein modernes Verlagshaus errichten, das nach Plänen des Architekten Arthur Bergmann entstand. Das Gebäude wurde zu einem weithin bekannten Bestandteil des Coburger Stadtbildes. Um 1930 erreichte das Tageblatt eine Auflage von mehr als 10.000 Exemplaren.
Damit hatte sich die Zeitung innerhalb von kaum fünf Jahrzehnten von einer liberalen Neugründung zu einem der wichtigsten publizistischen Unternehmen des Coburger Landes entwickelt.
Die Weimarer Republik war in Coburg von einer außergewöhnlich vielfältigen Presselandschaft geprägt. Neben dem Coburger Tageblatt erschienen unter anderem die konservative Coburger Zeitung und das sozialdemokratische Volksblatt. Anfang der 1930er Jahre trat mit der Coburger National-Zeitung ein ausgesprochen nationalsozialistisches Konkurrenzblatt hinzu. Die politische Radikalisierung Coburgs wirkte sich unmittelbar auf diese Pressevielfalt aus. Das Tageblatt stand aufgrund seiner liberalen Tradition im Gegensatz zur nationalsozialistischen Pressepolitik. Während Zeitungen im demokratischen System miteinander um Leser, Anzeigen und politische Deutungshoheit konkurriert hatten, zielte das NS-Regime nach 1933 darauf, die Presse institutionell, wirtschaftlich und inhaltlich gleichzuschalten.
Für Friedrich Colbatzky und sein Unternehmen hatte dies einschneidende Folgen. 1936 wurde der Verlag enteignet. Damit verlor die Familie die Kontrolle über das von ihr jahrzehntelang aufgebaute Unternehmen. 1940 wurde das Coburger Tageblatt mit der nationalsozialistischen Coburger National-Zeitung zusammengelegt; 1942 verschwand schließlich auch der Zeitungstitel. Die Entwicklung des Tageblatts verdeutlicht damit exemplarisch, wie die einst pluralistische lokale Öffentlichkeit während der NS-Diktatur systematisch beseitigt wurde. Ab 1940 blieb die Coburger National-Zeitung als einzige örtliche Tageszeitung übrig. Ihre letzte Ausgabe erschien am 10. April 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Coburg
Nach Kriegsende konnte das Coburger Tageblatt zunächst nicht einfach wieder erscheinen. Die amerikanische Militärregierung verfolgte beim Wiederaufbau der deutschen Presse ein Lizenzsystem. Neue Zeitungen durften nur mit ausdrücklicher Genehmigung herausgegeben werden. In Coburg erhielt der Journalist Peter Maslowski die Lizenz Nr. 15. Am 25. Januar 1946 erschien daraufhin erstmals die Neue Presse. Sie nutzte die ehemaligen Verlagsräume des Coburger Tageblatts in der Mohrenstraße.
Für die Familie Colbatzky bedeutete dies eine komplizierte Situation: Zwar wollte sie an ihre Verlagstradition anknüpfen, doch die bestehenden Betriebsräume waren an die Neue Presse verpachtet und eine Wiederherausgabe des Tageblatts zunächst nicht möglich. Erst mit dem Ende des alliierten Lizenzzwangs und der Wiederherstellung der allgemeinen Pressefreiheit änderten sich die Voraussetzungen. Am 22. September 1949 ließ die Familie Colbatzky zunächst eine Probenummer erscheinen. Darin kündigte sie an, an die Tradition einer unabhängigen Tageszeitung anzuknüpfen. Am 1. Oktober 1949 erschien dann mit der Nummer 1 die erste reguläre Nachkriegsausgabe des Coburger Tageblatts. Hans-Georg Ehrhardt unterstützte das Unternehmen, während Hanns Thormann Chefredakteur wurde und dieses Amt bis 1962 ausübte.
Damit entstand jene für Coburg bis heute kennzeichnende Situation zweier konkurrierender Tageszeitungen. Coburger Tageblatt und Neue Presse entwickelten sich zu zwei eigenständigen publizistischen Stimmen der Stadt und des Landkreises.
Nach mehr als sechs Jahrzehnten endete 1971 die unmittelbare Verbindung des Tageblatts mit der Verlegerfamilie Colbatzky. Friedrich-Herbert Colbatzky verkaufte die Zeitung an den E. C. Baumann-Verlag in Kulmbach, der auch die Bayerische Rundschau herausgab. Der Verkauf bedeutete zwar das Ende des klassischen Coburger Familienverlages, nicht aber das Ende des Zeitungstitels. Im Gegenteil wurde das Tageblatt nun stärker in regionale Verlagsstrukturen eingebunden.
Auch räumlich endete bald eine Epoche. Das traditionsreiche Tageblatt-Gebäude in der Mohrenstraße 17 wurde 1973 im Zusammenhang mit dem Bau des Kaufhof-Warenhauses abgebrochen. Damit verschwand ein Bauwerk, das fast ein halbes Jahrhundert lang sichtbares Symbol der Coburger Zeitungsgeschichte gewesen war.
Mit der Eingliederung des Neustadter und Rödentaler Tageblatts entstand zugleich ein stärker auf das gesamte Coburger Land ausgerichtetes Zeitungsprodukt. Die Geschichte des Tageblatts war damit zunehmend Teil einer überörtlichen Entwicklung: Die Konzentration ehemals selbstständiger Lokalverlage in größeren Medienunternehmen wurde seit den 1970er Jahren zu einem allgemeinen Kennzeichen der deutschen Presselandschaft
Ein weiterer Einschnitt erfolgte 2003, als der Verlag des Fränkischen Tags in Bamberg die Mehrheit an der Baumann GmbH & Co. KG übernahm. Seit 2009 gehört das Coburger Tageblatt zur Mediengruppe Oberfranken. Dort steht es heute in einer gemeinsamen Unternehmensstruktur unter anderem mit dem Fränkischen Tag, der Bayerischen Rundschau und der Saale-Zeitung. Die überregionale Berichterstattung wird innerhalb dieser Struktur gemeinsam organisiert, während die lokale Berichterstattung weiterhin auf die jeweiligen Verbreitungsgebiete ausgerichtet ist.
Wie die gesamte Tagespresse steht auch das Coburger Tageblatt seit Beginn des 21. Jahrhunderts vor erheblichen Veränderungen. Sinkende Printauflagen, das Internet, soziale Medien und veränderte Lesegewohnheiten haben das traditionelle Geschäftsmodell regionaler Tageszeitungen grundlegend verändert. Gleichzeitig wurden neue digitale Angebote geschaffen. Seit 2012 wird das Tageblatt beispielsweise auch als E-Paper angeboten.