RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#11 von Stammbus , 14.09.2009 21:19

"In Sicht" waren die Nazis, wenn auch nicht in der Gestalt der NSDAP, spätestens am Ende des 1. Weltkrieges. Die nationalsozialistische Bewegung ist doch nicht aus dem luftleeren Raum entstanden.

Im übrigen - zum "guten" oder "bösen" C.E. im Jahre 1922 - empfiehlt sich die Lektüre von Sandner - Coburg im 20. Jahrhundert - S. 79-80, sowie auch einige Passagen zuvor (z.B. März 1920 - Herzogshaus steht den Kapp-Putschisten nahe gegen die damals noch existente Coburger Landesversammlung und die Staatsregierung, Kapitän Ehrhardt versteckt sich mitsamt den Waffen seiner Brigade auf der Veste). C.E. hatte übrigens ein lebenslanges Wohnrecht auf der Veste und schon von daher ein großes Interesse an deren Erhalt.

Zur politischen Rolle des Herzogshauses in jenen Jahren vgl. aus (bestimmt nicht linksverdächtiger) Sicht: Jürgen Erdmann: Coburg, Bayern und das Reich 1918 - 1923, S. 90 bis 92

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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#12 von Christian , 14.09.2009 21:47

Zu den Kritikpunkten meiner Aussagen ist folgendes zu sagen:

Es ist im Endeffekt zweitrangig ob die Amerikaner die Straßenumbenennungen befohlen haben oder Sauerteig selbst auf die Idee dazu gekommen ist. Jedenfalls finden sich dazu keinerlei Hinweise in den Archiven. Da halte ich mich persönlich an die Fakten und nach der Bekanntmachung Nr. 8 des kommissarischen Oberbürgermeisters Alfred Sauerteig vom 1.5.1945, hat Sauerteig selbst die Anordnung dazu gegeben. Die Bekanntmachung selbst ist ebenfalls von Sauerteig unterschrieben worden und nicht von einem amerikanischen Soldaten.

Gert Melville schreibt in seinem Buch "45-75 Coburgs Weg in die Gegenwart" dazu: "...und der Coburger Mohr fand nun zu seinem durch die Nazis verlorenen Recht zurück: Sauerteig führte ihn als Stadtwappen wieder ein. Trotz dieses symbolischen Aktes, der die alte Tradition als Markstein einer neuen Zukunft verstehen ließ, musste Sauerteig abtreten, als seine ehemalige NSDAP-Mitgliedschaft den Amerikanern bekannt wurde."

Zum Thema der Entnazifizierungsakten muss ich sagen, das man diese nicht unterschätzen sollte. Ich habe bereits im Zusammenhang mit einem anderen Kommunalpolitiker mit diesen Akten gearbeitet und sie geben ein recht anschauliches Bild über den Aufstieg innerhalb der NSDAP, was man der Person im Prozess vorgeworfen hat und wie die Einzelnen versucht haben einen Persilschein zu bekommen.

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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#13 von Stammbus , 14.09.2009 22:12

> Die Bekanntmachung selbst ist ebenfalls von Sauerteig unterschrieben worden und nicht von einem amerikanischen Soldaten.

Ich habe weder Sie noch Sauerteig kritisiert (man lese mal meinen Beitrag genau). 1945 hat aber kein Bürgermeister irgend eine Verordnung erlassen, ohne erst mal den örtlichen Militärkommandeur um Erlaubnis dafür zu bitten, wenn er nicht ohnehin nur auf Befehl der Militärregierung gehandelt hat (z.B. Ausgangssperren). Völlig egal wie der Bürgermeister hieß und was er bis 1945 gemacht hat. Faktisch regierte in jedem Kaff die jeweilige Besatzungsmacht.

> Zum Thema der Entnazifizierungsakten muss ich sagen, das man diese nicht unterschätzen sollte.

Mit Sicherheit nicht, auch da haben Sie Recht. In wieweit aber Verlauf und Ergebnis des "Entnaztifizierungsverfahrens" wirklich übereinstimmten, war sehr stark auch vom Zeitpunkt und der örtlichen Spruchkammer abhängig. Und von der Qualität der "Persilscheine" und anderer "Beweismittel" (bei deren Sammlung leider ein Teil des Archivs meiner Familie verloren gegangen ist). Ab 1947/48 haben speziell die Amerikaner ihre "Entnazifizierung" anderen Zielen untergeordnet. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Entnazifizierung




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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#14 von Christian , 15.09.2009 13:54

Sie dürfen das jetzt nicht falsch verstehen. Ich verstehe ihre Kritik nicht als etwas Negatives. Und sie haben auch Recht wenn sie sagen, dass solche Verordnungen im Auftrag der Militärregierungen ausgeführt wurden. Nur in dem speziellen Fall der Namensumbenennung ist eben der Zusatz "Im Auftrag der Militärregierung", der sonst bei solchen Verlautbarungen üblich war, nicht vorhanden. Das es Absprachen zwischen Sauerteig und den Amerikanern diesbezüglich gab, nehme ich stark an, nur findet man dazu keine Hinweise.

Im Endeffekt kommt es aber darauf an, dass durch die Wiedereinführung der alten Straßennamen und des alten Stadtwappens man symbolisch einen Neubeginn darstellen wollte - und dass ist meines Erachtens mit ein Verdienst von Alfred Sauerteig.

Bezüglich der Urteile der Entnazifierzungsverfahren gebe ich Ihnen recht. Die Verurteilungen sind bei solchen Quelleneinsichten nur sekundär zu betrachten. Entscheidender sind hier meiner Meinung nach die Stellung des Angeklagten während des Dritten Reiches (einzusehen über die berühmten Fragebogen) und dem Prozessverlauf. Natürlich müssen auch dort Zeugenaussagen nach ihrem Inhalt und Gewicht bewertet werden, wie es auch jeder Richter heutzutage praktiziert.



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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#15 von Stammbus , 15.09.2009 22:49

Wer hat ihm persönlich denn welche unterstellt?


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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#16 von Stammbus , 15.09.2009 23:10

Das steht m.E. auf einem anderen Blatt.
Im übrigen weichen wir immer mehr vom Thema ab. Deshalb ist für mich diese Diskussion jetzt zu Ende, zumal mir der Stil so auch nicht gefällt.

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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#17 von Weinwanderer , 02.10.2009 18:34

Hallo Christian,

der letzte Satz beschäftigt mich. Hast du die 80 % einer veröffentlichten Statistk bzw. einer Publikation entnommen oder ist das eine Schätzung von dir? Sind dir entsprechende Zahlen auch für die bayerische Beamtenschaft und die bayerische Richterchaft bekannt? Oder wo könnten solche zu finden sein?
Gruß
Helmut

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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#18 von Stammbus , 02.10.2009 22:35

Die Personalpolitik der Stadt und der Sparkasse während der Nazizeit wird umfangreich in dem lesenswerten Buch "Spuren - 175 Jahre Coburger Sparkasse" behandelt. Auf S. 391 wird die "Entnazifizierung" behandelt. Hier heißt es, dass bis Herbst 1945 von insgesamt 328 in der Stadtverwaltung Beschäftigten 247 wegen ihrer Parteimitgliedschaft entlassen wurden. Bis Dezember 1945 wurden mindestens 30 weitere Personen aus ihren Ämtern entfernt. Bei der Sparkasse waren es insgesamt 104 von 150 Betriebsangehörigen, wobei der Anteil der NSDAP-Mitglieder vor dem Krieg bei rd. 90 % lag. Durch den Personalmangel während des Krieges wurden verstärkt aber auch Nichtparteimitglieder, vor allem Frauen, eingestellt.

Das alles dürfte aber kein Coburg-spezifisches Problem, sondern mehr oder weniger in allen Teilen des öffentlichen Dienstes in Deutschland so gewesen sein.


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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#19 von Christian , 02.10.2009 23:49

Guten Abend
ich sehe, das es zu diesem Thema unterschiedliche Zahlen gibt. Wolf-Dietrich Nahr schreibt dazu in seinem Buch "Coburg 1945". "Im Dienstbereich des Oberbürgermeisters bekamen 474 Mitarbeiter ihre Papiere, aus dem Landratsamt mussten 66 Beamte und Angestellte gehen und in den 129 Gemeindebehörden des Landkreises mussten sich 752 Angestellte wegen ihrer politischen Vergangenheit eine andere Arbeit suchen."

Harald Sandner gibt an das ca. 85 % aller städtischen Bediensteten entlassen wurden. Diese Zahl um die 80% hatte ich noch in Erinnerung.

Gruß
Christian

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RE: Coburger Oberbürgermeister - Alfred Sauerteig (Beitrag vom 31.07.2009)

#20 von Stammbus , 03.10.2009 00:00

Die ganze Quellenlage jener Zeit scheint nicht gesichert zu sein. Denn bei Sandner steht nicht nur Widersprüchliches, sondern auch, dass die Umbenennung Coburger Straßennamen und die endgültige "Rehabilitierung" des Mauritius als Stadtwappen nach der Amtszeit von Sauerteig statt gefunden haben soll.

Aber ich denke, das Chaos war damals so groß, dass Fans genauer Statistiken und exakter Daten ohnehin mit Unsicherheiten leben müssen.

Was mich noch interessieren würde: Wissen Sie, ob sämtliche "Entnazifizierungsakten" von Coburg im Stadtarchiv frei zugänglich sind? Es könnte uns vielleicht helfen, unser Familienarchiv wieder zu vervollständigen (siehe oben).


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Die Heiligkreuzbrücke (Beitrag vom 13.09.2009)
Wilhelm Recknagel



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