RE: Kriegsende 1945 in Oberfranken

#11 von Stammbus , 02.01.2015 20:06

Schon im Voraus herzlichen Dank, Gerd!

Es ist übrigens interessant, in Google mal "Zapfendorf 1. April 1945" einzugeben.

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RE: Kriegsende 1945 in Oberfranken

#12 von gerd , 03.01.2015 11:30

Beim ehemaligen Posthalter in Zapfendorf, dessen Haus nicht ausgebrannt ist, sondern nur beschädigt, ist eine sogenannte "Volksküche " eingerichtet. Dort erhalten wir eine warme Suppe und Brot, was unseren hungrigen Magen gut tut. Zu unseren Trümmerhaufen zurück gekehrt ,suchen wir nach etwas Brauchbaren, doch vergebens.
Der zweite Osterfeiertag ist um und wir gehen wieder zurück nach Lauf und wieder geht das Futterbetteln los. Das Vieh muss gemolken und gefüttert werden. Das ist das schlimmste für meine Mutter, kein Futter für ihre Kühe zu haben. Drei Tage müssen wir auch noch für eine Fremde Kuh sorgen, bis sich der Eigentümer findet.

Am nächsten morgen dieselbe Zeremonie! Unser Franzose, der als Kriegsgefangener bei uns ist, bringt Rüben mit der Schubkarre nach Lauf und ist uns behilflich. Es ist Mittwoch. Wir sind alle drei auf dem Weg nach Zapfendorf, als plötzlich wieder Tiefflieger auftauchen und zu schießen beginnen. Wir rennen was wir können auf das Dorf zu. Der Franzose lässt die Schubkarre stehen und flüchtet in den Wald.(Seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen. Es hieß später, das sich die Gefangenen in Ebing gesammelt hätten und dann von dort aus nach Hause zurück sind)
Meine Mutter und ich erreichen gerade noch den Holzlagerplatz von Berbig und verstecken uns unter den Baumstämmen in einen Graben. Dort haben sich auch zwei Zapfendorfer Männer hin gerettet und alle haben Todesangst. Soll es denn noch einmal los gehen? ..Was wollen die eigentlich noch? ..Es ist doch schon alles zerstört!
Als es wieder ruhiger wird klettern wir aus unseren Versteck und rennen weiter bis zum Haus von Betzlers, wo wir im Keller Schutz suchen. Hierhin haben sich auch ein paar Russen geflüchtet. Nachdem die Gefahr vorüber ist, verlassen wir den Keller und gehen durch den Garten zu unseren Trümmerhaufen.

Die nun folgenden Zeilen geben wieder, was in dem Chaos dort passierte.....

Beerdigung mit Störungen
Zwei Opfer der Katastrophe aus Lauf werden an diesem Mittwoch beerdigt, wobei die Beerdigung ein paar mal durch Tiefflieger gestört wird. Deshalb wird die für Donnerstag angesetzte Beerdigung der Zapfendorfer Opfer auf Freitag verlegt.
Unsere Tante Kuni soll in unser Familiengrab kommen. Für das ausheben des Grabes muss jeder selber sorgen, einen Totengräber gibt es nicht. Tante Rettl aus Oberleiterbach kommt und bietet ihre Hilfe an. Meine Mutter erzählt ihr, das Herr L. und sein "Bübla" zusammen in "an Kinnersärgla" liegen..
Für die Tante würde so ein kleiner Sarg ausreichen und wir bräuchten nicht so ein großes Grab zu schaufeln...

Also geht die Mutter und Tante Rettl zum Friedhof und wollen den Plan ausführen. Doch der Sarg mit der Tante Kuni ist weg! Ganz entsetzt diskutieren sie ,was der Nachbar H. mit anhört.
"Passt amol auf!" -"Do hab ich doch gestern dem ...... do sei Mutter helf naufgetrong, weil er sie dann eingegrom hat. Und da hab ich mir gedacht, sugor mit die Verstormna machen sa jetzt Kuddl -Muddl!- Steht doch auf den Sarg K.B. und dem sei Mutter haßt doch goar net su!"
Jetzt ist es uns klar, der Mann hat seine Mutter in den Sarg unserer Tante Kuni gelegt und beerdigt! Also müssen wir den Mann suchen und finden ihn auch irgendwo in der Ortschaft. Gemeinsam wurde das Grab wieder geöffnet und die Verstorbene mit einer Schaufel etwas angehoben und die Überreste unserer Tante hervor geholt, in eine Kindersarg gelegt und beide Gräber wieder verschlossen!
Im Nachhinein können wir den Mann verstehen...er war erst in der Karwoche zum Volkssturm nach Michelau eingezogen worden. Unterwegs hört er von der Katastrophe in Zapfendorf. Als er dort ankommt findet er seine Mutter tot unter dem Trümmerhaufen. Er hat sie in den Sarg gelegt und dabei übersehen, das sich in den Hobelspänen schon Teile befanden. Und da er wieder sofort nach Michelau musste hatte er die Mutter schnell begraben.
Am Freitagabend fand dann in der Dämmerung die Beerdigung aus Sicherheitsgründen statt und alle Opfer wurden ganz armselig ,ohne Blumen durch Pfarrer Maier eingesegnet und beigesetzt!

Mutter und ich gehen mit den Kühen zu unseren Leuten nach Oberleiterbach. Bei der Tante und einen Nachbarn finden die Tiere einen Platz.
Von Oberleiterbach aus gehen die Mutter und ich jeden Tag nach Zapfendorf zum Aufräumen. In Oberleiterbach sind wir täglich 11 Personen am Tisch, denn andere ausgebombte Verwandte der Tante sind auch schon da.

Die Amis kommen!
In Oberleiterbach erleben wir dann auch den Einmarsch der Amerikaner. Vom Westen her hört man schon seit Tagen ein Brummen und Dröhnen und in der letzten Nacht sogar Schüsse. Wir beschließen zusammen mit allen Verwandten und Bekannten die Nacht im Keller von B. zu verbringen. Mit Decken und Proviant bepackt, flüchten sich etwa 20 Leute in das Sandsteingewölbe. Gesprochen oder geschlafen wird in der Nacht recht wenig...Alle horchen auf das was kommen wird!..
Nachts kommt noch ein Onkel mit einer Tante aus Bamberg mit dem Fahrrad an.Er hat die Tante aus dem Krankenhaus geholt und sie mit großer Mühe ,sie hat ein eingegipstes Bein, hierher gebracht, weil er Angst hatte, das es in Bamberg zu weiteren Zerstörungen und Schießerei kommen könnte. Er hatte recht damit!
Als der Morgen anbricht trauen sich einige hinaus aus den Keller. Wir sehen und hören nichts und beschließen in unsere zerstörten Häuser und Notunterkünfte zu gehen.
Da fahren schon die ersten "Jeeps" in den Ort. Die "alte Brehma" schwingt ein weißes Tuch den Amerikanern entgegen....Kein Schuss fällt. Scheinbar sind auch die ersten Amerikaner überrascht, das der Ort so sehr zerstört ist!
Es folgen immer mehr Armee Fahrzeuge und wir sehen zum ersten mal im Leben "schwarze" Soldaten....

Mit welchen Problemen die Zapfendorfer weiter zu kämpfen hatten, wird von der Zeitzeugin ausführlich geschildert.
Wer es nachlesen will kann es gerne in der Chronik "Dorf in Flammen"-Inferno über Zapfendorf am 1.April 1945 ,tun.

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RE: Kriegsende 1945 in Oberfranken

#13 von gerd , 26.05.2018 22:03

Meinen Bericht vom 11.5 2013 möchte ich folgendes hinzufügen:
Die Autoren Dill/Hetz, welche das mittlerweile bekannte Buch "Der Luftkrieg in Nordostbayern"
geschrieben haben, waren weiterhin aktiv und haben in dieser Richtung erneut recherchiert. Mittlerweile sind darüber Drei Bücher entstanden, die den Bereich von Aschaffenburg bis Zwiesel abdecken.
Im Band eins sind von der Luftbilddatenbank Dr.Carls drei Luftbilder von der Brandensteinsebene zu sehen, die ein USAAF Aufklärer am 23.3.1945 und am 9.4.1945,unmittelbar vor der Beschießung Coburgs durch die US Army, gemacht hat.
An der Strasse nach Löbelstein waren Deckungslöcher ausgehoben worden. Etwa im Bereich vom heutigen Tower sind Deckungsgräben zu sehen. Einige Gebäude sind zu erkennen, vor denen sich in Richtung Rollfeld ebenfalls Deckungslöcher befanden.
Flugzeuge sind auf der Aufnahme vom 23.3.45 nicht zu erkennen, anders aber auf dem Bild vom 9.4.45.
Etwa dort, wo heute die Zufahrt zu den Flughallen/Tower von der Strasse nach Löbelstein abzweigt, sind drei einmotorige Jagdflugzeuge (2 Bruch ? FW 190 D?)zu sehen. Eine weiter Maschine ist etwa im Bereich zu sehen wo sich heute die Bauschuttdeponie befindet.
Ein Auszug aus dem Buch:
"....Vorübergehend lag auf dem Coburger Flugplatz auch eine Luftwaffeneinheit, deren Aufgabe es war mit umgerüsteten Maschinen der Typen Bücker und Fieseler Schädlingsbekämpfung durchzuführen, (coburg-magazin-Forum).Gegen Ende des Krieges wurde er von verschiedenen Luftwaffeneinheiten bei Verlegungsflügen genutzt, für die aus dem damaligen Prodektorat Böhmen und Mähren flüchtenden Besatzungen und Piloten war die Brandensteinsebene einer der ersten Anlaufpunkte westlich der bayerisch - böhmischen Grenze.
Das Luftbildpaar, das von einem Aufklärer der USAAF kurz vor dem Angriff auf Coburg geschossen wurde, zeigt am oberen Bildrand einige Gebäude und eine Halle, wahrscheinlich zu Reparaturzwecken für kleinere Flugzeuge. Um den Flugplatz verteilt sind einzelne Stellungen ausgehoben worden , die jedoch nicht mehr besetzt sind. Am Platzrand sind einmotorige Jagdflugzeuge auszumachen. Nur eines zeigt anhand seiner Umrisse, dass es zum Zeitpunkt der Aufnahme, rein äußerlich, noch in einem flugfähigen Zustand war. Am Innenrand der Flugplatzstraße sind Deckungsgräben ausgehoben.
Es gibt Diskussionen über die Anwesenheit von Jägern des Typs Focke Wulf Fw 190 D, die während eines Verlegungsfluges von Hanau kommend nach Marienbad(?) auf der Brandensteinsebene eine Zwischenlandung einlegen sollten und dabei mehrere Bruchlandungen hinterließen. Die Flugplatzverhältnisse in den Luftbildern sprechen weder für eine eingeschränkte Möglichkeit auf der Grasnarbe, eine Fw 190 D korrekt aufzusetzen, noch zeigen die Luftbildsequenzen eine Belegung des Platzes mit einer Staffel dieser Jäger an.
Einzelne einmotorige Jagd-Maschinen sind nachweisbar. Über Ausfälle von Maschinen in diesem Zeitraum gegen Ende des Krieges ist an dieser Stelle nichts bekannt!
(Woher kommen dann die Hinweise, z.B. in der Coburger Chronik von H. Sandner, wo über Jagdmaschinen Fw 190 berichtet wird, die auf der Brandensteinsebene zu Bruch gegangen sein sollen?-Oder gehörten die auf dem Foto vom 9.4 45 zu sehenden Maschinen doch dazu??)
Übrigens sind bei Dill/Hetz detaillierte Bilder von der ehemaligen Radarstation bei Neuses a.d. Eichen/Watzendorf zu sehen, die ebenfalls aus der Luftbilddatenbank Dr. Carls stammen.


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zuletzt bearbeitet 28.05.2018 | Top

RE: Kriegsende 1945 in Oberfranken

#14 von Rolf Metzner , 09.06.2018 20:03

Passt am besten zum Thema "Kriegsende 1945 in Oberfranken".

Mein Vater Kurt Metzner hat ein Kriegstagebuch mit relativ nüchternen Worten geschrieben.

Der letzte Abschnitt "Kriegsgefangenschaft" verdeutlicht sein Streben, letztendlich wieder in seine Heimatstadt nach Coburg zu kommen:



Es gibt das Gerücht, dass mein Vater am Sonntag nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft bei seinen Eltern in der Metzgergasse 18 Klöße zum Sauerbraten gegessen habe! (das hat meine Großmutter - seine Mutter - erzählt)


 
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