Aufmarschgelände Adamiberg

#1 von shabby , 20.08.2011 13:27

Liebes Forum,

ich stöbere in meiner Urlaubszeit in Wiki und sonstwo über Coburgs Geschichte.
Dabei bin ich auf etwas mir bisher total Unbekanntes gestossen:

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/co...g_Plan_1940.png

Kaum zu glauben. War das Aufmarschgelände ein Hirngespinst? Wie sah die Bebauung aus in dem Gelände zur fraglichen Zeit? Und wer sollte da aufmarschieren? Der Plan ist nicht wirklich alt, sieht aus wie nachgezeichnet. Gibts historischeres Material?

Immerhin nahm die Planung zu dem ebenfalls angeführten Kanal ja im dritten Reich Formen an. Die Jüdische Schule Hohe Str. 30 wurde extra zum Wasserwirtschaftsamt umgebaut, nachdem die jüdischen Bewohner vertrieben waren.

BTW: Das Gebäude steht im Moment leer, die Fertiggaragen abtransportiert (vor ca. 2 Jahren), in letzter Zeit tat sich einiges am Tor. Weiss einer was?


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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#2 von Stammbus , 20.08.2011 14:14

Bei Sandner, Coburg im 20 Jahrhundert, findet sich auf Seite 166 eine ganzseitige Darstellung des Original-Lageplans dieses Aufmarschgeländes (auf S. 165 die geplante Trasse des Main-Werra-Kanals).

Großenteils dürfte das Planungsgebiet unbebaut gewesen sein. Der Judenberg ist ja mit Wohnungen aus der Nachkriegszeit bebaut.

Mir ist allerdings nicht ganz klar, in welcher Höhe der Kanal hätte verlaufen sollen. Auf Niveau des Itztales hätte man wohl einen riesigen Trog quer durch das westliche Stadtgebiet bauen müssen. Es sollen ja angeblich 20 Modelle in Auftrag gegeben worden sein. Weiß jemand, ob es irgendwo ein Bild davon gibt?

Hirngespinste? Abgesehen davon dass das Naziregime eine nie mehr dagewesene Kombination von Größenwahn und Verbrechertum war, wohl nicht: Gegen die Umbaupläne für Berlin in die Welthauptstadt Germania waren die Coburger Pläne ein Klacks. Wenn man bedenkt, was die im Krieg zerbombte Reichskanzlei als erstes Bauwerk für ein Monster gewesen sein muss und welche Kosten diese verschlungen hat ...


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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#3 von Christian , 20.08.2011 14:32

Auf dem Judenberg sollte das Kreisforum entstehen mit einem riesigen Aufmarschgelände und einer gigantischen Festhalle als Pendant zur Veste. Es gab dabei zwei Zufahrtsmöglichkeiten: Über den Judenberg, wobei 2 Hoheitsadler die Richtung wiesen, und eine Zufahrt über die neue Reichsstraße 4, die in der Nähe des Jean-Paul-Häuschens errichtet werden sollte. Tatsächlich sollte dies wirklich gebaut werden. Doch der Zweite Weltkrieg und die Materialknappheit ließen den Bau nicht mehr zu. Marschieren sollten dort Partei-Formationen aus Stadt und Landkreis Coburg.

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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#4 von Rolf Metzner , 20.08.2011 14:35

Pläne für einen Main-Werra-Kanal reichen bis in's 17. Jahrhundert zurück (siehe WIKIPEDIA: Main-Werra-Kanal).

Hallo "Stammbus": Der Kanal wäre fast auf der Höhe des Judenberges (Saarlandberges) verlaufen; es hätte also keines Kanaltroges im Talbereich von Coburg bedurft.
Bereits 1941 gab es wegen der geplanten Kanaltrasse ein Bebauungsverbot im Rummenthal!

Ein Phantombild über den Verlauf dieses Kanals durch Coburg nach den Planungen der IHK von 1940 mit dem neuen Vorschlag einer "Coburg-Linie" für den Main-Werra-Kanal:


Angefügte Bilder:
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 800px-Coburg_Planung_Main-Werra-Kanal_1940.jpg 
 
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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#5 von Christian , 20.08.2011 14:39

Es gibt einen guten Aufsatz zu dem Thema Werra-Main-Kanal, der auf zwei Teile aufgegliedert ist:

Georg Aumann
Coburg und der Main-Werra-Weser-Kanal. Zur Geschichte einer Idee, die nicht verwirklicht wurde, Teil 1, in: Coburger Geschichtsblätter 7 (1999), S. 9-35.

Teil 2, in: Coburger Geschichtsblätter 12 (2004), S. 46-51.

Genauere Infos über die Planungen am Adamiberg in:

Christian Boseckert
Hallen, ein beinahe ständiges Thema in Coburger Geschichtsblätter 15 (2007), S. 97-120.

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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#6 von Stammbus , 20.08.2011 19:30

Zitat von Rolf Metzner
Pläne für einen Main-Werra-Kanal reichen bis in's 17. Jahrhundert zurück (siehe WIKIPEDIA: Main-Werra-Kanal).

Hallo "Stammbus": Der Kanal wäre fast auf der Höhe des Judenberges (Saarlandberges) verlaufen; es hätte also keines Kanaltroges im Talbereich von Coburg bedurft.
Bereits 1941 gab es wegen der geplanten Kanaltrasse ein Bebauungsverbot im Rummenthal!

Ein Phantombild über den Verlauf dieses Kanals durch Coburg nach den Planungen der IHK von 1940 mit dem neuen Vorschlag einer "Coburg-Linie" für den Main-Werra-Kanal:





Da sieht man die unvergleichliche Begabung der Deutschen, ganze Heerscharen von Beamten für sinnlose Projekte zu beschäftigen.

Die Planung sah ja auch so aus, dass der Kanal auf Judenberg-Höhe verlaufen wäre. Ich frage mich dann aber, wie er südlich und nordwestlich von Coburg weitergeführt worden wäre. Auf Brücken? Scheint so, auch wenn ich mir die von Norbert eingestellten Bilder ansehe.

Dein Bild macht es deutlich: Ein Phantom ! Dagegen wäre die Reaktivierung der Werrabahn, dagegen ist selbst der Bau der ICE-Strecke ein Klacks. Wenn da mal einer den Stöpsel gezogen hätte .


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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#7 von shabby , 25.08.2011 18:51

Vielen Dank. Hochinteressant. Haben die sich Gedanken über das Kosten/Nutzen-Verhältnis gemacht? Wie sollte sich so was (der Kanal, das Aufmarschgelände sowieso nicht) je amortisieren?
Bei einem Dammbruch wäre die komplette Innenstadt meterhoch überflutet, und zwar binnen Minuten.

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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#8 von Autor ( gelöscht ) , 26.08.2011 14:17

Kosten-/Nutzenrechnungen spielten in der NS-Zeit eine deutlich untergeordnete bzw. gar keine Rolle wenn es um Großprojekte auf dem Land bzw. in den "Führerstädten" ging.

Autor

RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#9 von shabby , 26.08.2011 16:20

Zitat von Autor
Kosten-/Nutzenrechnungen spielten in der NS-Zeit eine deutlich untergeordnete bzw. gar keine Rolle" ging.



Prestige vor Kosten/Nutzen scheint mir auch beim geplanten Neubauflugplatz im Spiel zu sein.

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RE: Aufmarschgelände Adamiberg

#10 von Stammbus , 26.08.2011 16:29

Allein schon dass die Kanalplanung ja nicht erst der Nazizeit entstammt, beweist, dass es dafür kein Monopol der Nazis gab.

Sicherlich hatte Binnenschifffahrt für die damalige Zeit eine noch größere Bedeutung als heute. Liest man parallel mal die Entstehungsgeschichte des Main-Donau-Kanals http://de.wikipedia.org/wiki/Main-Donau-Kanal nach, so lässt sich meines Erachtens schon ermessen, dass der Main-Werra-Kanal ein Phantom war.

Was das Aufmarschgelände betrifft: Jedes System sucht sich "passende" Symbole auch bei Bauwerken aus, die sich Kosten-Nutzen-Rechnungen entziehen. Das Naziregime war da natürlich besonders hervorstechend, aber auch in westlich-demokratische Staaten findet sich dieses Phänomen: Fährt man durch das heutige Zentrum von Berlin, kann man das deutlich sehen. In Bonn war die Bundesrepublik doch deutlich bescheidener: Der Bundestag war jahrzehntelang in einem Gebäude untergebracht, das eigentlich als Pädagogische Hochschule vorgesehen war. Wie wir heute wissen, gab es in diesem Gebäude die spannensten Parlamentsdebatten.

In Großbritannien z.B. gibt es zwar einen relativ bescheidenen Sitz des Premierministers und des Unterhauses, aber dafür eine protzige Monarchie.


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