RE: RE:Veste Coburg

#71 von gerd , 20.06.2016 20:35

Ein erstes Inventar der Veste war 1604 von Herzog Johann Casimir aufgenommen worden. Johann Ernst folgte 1634 diesem Beispiel; es wurden 44 Geschütze,1187 Handschusswaffen,5299 Geschützkugeln,41291 Gewehrkugeln,514 Granaten gezählt. Vorhanden waren ferner 207 vollständige Harnische,75 Rüstungen für Bürger,113 für Landsknechte,24 für Soldaten, dazu je 140 Brust und Rückstücke,549 Visierhauben und Helme,243 Helleberaden und Partisanen,19 Morgensterne,220 Turnier und Schlachtschwerter. Die Handwaffen und Rüstungen werden in einem Inventar von 1735 nicht mehr aufgeführt; sie dürften bereits als Stücke von historischem Wert im Fürstenbau verwahrt worden sein.1735 besaß die Veste 49 Geschütze,354 Rohre (?),310 Musketen, die dazugehörige Munition,56 Schwerter,256 Stilets,68 Piken,6 alte Kompanie Fahnen und große Vorräte an Geräten aller Art. Übrigens werden in einem Inventar von 1700 auch drei Zentner Tabak nebst 200 Tabakpfeifen für die Mannschaften verzeichnet. Rauchen tat not, denn oft herrschte empfindlicher Brennholzmangel in den Unterkünften, der zum "organisieren" von Holz verleitete. Die Soldaten ließen es sich auch nicht entgehen, vom äußeren Wall aus auf Hasen und Rebhühner zu schießen. Sie erlegten in einem Winter ihrer 20 Stück, bis ihnen diese willkommene Schießübung durch Verordnung nach langen Hin und Her verboten wurde. Es blieb ihnen jedoch der eigene Wirt, der sein Bier aus der fürstlichen Kellerei bezog und billiger als das in der Stadt ausschenkte. Dieser Festungswirt verkaufte auch Brot, Käse, Butter und Heringe.
Wenn ein Soldat das Zeitliche segnete, kam er in nächster Nähe der Veste bequem unter die Erde, da -um 1663-ein Raum hinter dem Fürwitz als Gottesacker hergerichtet war. Zur gleichen Zeit wurde eine ständige und selbstständige Festungspfarrerstelle geschaffen an deren Inhaber die Garnison jedoch nur selten reine Freude hatte. Der eine Pfarrer entpuppte sich als zänkischer, unfeiner Geselle mit höchst giftiger Zunge, der seinen Beichtkindern weiblichen Geschlechts zweifelhafte Anträge machte, der andere war ein Hitzkopf, der sich über den Mangel an soldatischer Zucht, die Nachlässigkeit der Offiziere, die Verrohhung der Sitten mit mehr oder weniger gutem Grunde arg ereiferte. Die Garnison half sich in solchen Fällen mit passiven Widerstand gegen den Besuch der Predigt und mit Berichten des Inhalts: sie könne sich mit dem Pfarrer unmöglich länger vertragen, sondern müsse in Finsternis, Irrtum und gänzlicher Verwahrlosung über armen Seelen bleiben-nicht gerade ein wirksames Argument einen Geistlichen gegenüber, der laut und oft kundtat, man könne in der kleinen Kirche keinen Schritt tun, so trete man auf Ehebrecher, Ehebrecherin, Hurer oder Hure. Tatsache bleibt, daß die meißten Pfarrer vom Konsistorium versetzt werden mußten. Die Pfarrei selbst wurde 1827 eingezogen, nachdem schon 1725 die Kirche auf der Veste als baufällig und lebensgefährlich geschildert wird, daß die Garnison lieber in die Stadtkirche ging. Der Stadtpfarrer übernahm später die Garnisonpredigten.
Als Hanstein 1748 starb, trat an seine Stelle der Kammerjunker und Stallmeister J.P. von Stange als Geheimer Kriegsrat, Oberster der gesamten Miliz und Festungskommandant-aber nur für drei Jahre. Ihm folgte (1752 bis 1776) der Oberst und Geheime Rat C.F. von Gersdorff. Nach ihm kamen Vizekommandant G. von Heldritt (bis 1788),und Adam S. von Brandenstein, unter dem die Veste bis zu seinem Tode 1804 ihres bisherigen wehrhaften Charakters ganz und gar verlustig ging. F. f.

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RE: RE:Veste Coburg

#72 von Rolf Metzner , 21.06.2016 08:13

Zitat von gerd im Beitrag #71

...............
Wenn ein Soldat das Zeitliche segnete, kam er in nächster Nähe der Veste bequem unter die Erde, da - um 1663 - ein Raum hinter dem Fürwitz als Gottesacker hergerichtet war.
................


Dieser Friedhof war schon mal Thema im Forum:

Relikte eines alten Friedhofes


Im Katasterplan von 1860 ist dieser Friedhof noch eingezeichnet:

Friedhof Veste-Garnison.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)

Interessant noch, was Klaus Weschenfelder in seinem Buch "Veste Coburg" zu diesem Friedhof schreibt (dem Text ist auch ein Plan von 1802 beigefügt; rote Unterstreichung "Der Gottesacker" von mir):

Friedhof, Weschenfelder, Veste Coburg.jpg - Bild entfernt (keine Rechte)


 
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RE: RE:Veste Coburg

#73 von Rolf Metzner , 22.06.2016 11:38

Hab' mich heute nochmal genauer auf dem Areal des alten Veste-Friedhofes nach Überbleibseln umgeschaut, außer Resten der Friedhofsmauer und wenigen Grabsteinrelikten aber nichts mehr gefunden:

Veste-Friedhof, Relikte, 22.06.2016 (5).JPG - Bild entfernt (keine Rechte)Veste-Friedhof, Relikte, 22.06.2016 (6).JPG - Bild entfernt (keine Rechte)Veste-Friedhof, Relikte, 22.06.2016 (2).JPG - Bild entfernt (keine Rechte)Veste-Friedhof, Relikte, 22.06.2016 (4).JPG - Bild entfernt (keine Rechte)Veste-Friedhof, Relikte, 22.06.2016 (7).JPG - Bild entfernt (keine Rechte)Veste-Friedhof, Relikte, 22.06.2016 (1).JPG - Bild entfernt (keine Rechte)Veste-Friedhof, Relikte, 22.06.2016 (3).JPG - Bild entfernt (keine Rechte)

Meinen Erinnerungen nach gab es dort bis in die 1990er-Jahre noch mehr Grabsteine und auch Grabplatten.


 
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RE: RE:Veste Coburg

#74 von gerd , 22.06.2016 21:20

Um 1767 tauchte der Plan auf, nicht nur wie bisher schon zuweilen hochgestellte Gefangene auf der Festung zu verwahren, sondern dort oben ein Zuchthaus einzurichten. Es dauerte noch 14 Jahre, bis die Ordnung für dieses Zuchthaus in Druck gehen konnte. Man wählte das "kleine Zeughaus" als geeigneten Bau, der jetzt für seine neue Bestimmung eingerichtet wurde. In die großen, übereinanderliegenden Säle des Hohen Hauses, durch deren einen entlang der Aussenmauer der abgeschlossene Wehrgang lief, fiel nur von der Hofseite helles Licht.1782 wurden neue Fenster gebrochen und die Säle in kleinere Zimmer unterteilt. Ins untere Stockwerk kamen die Gefängnisse und Schlafstätten für Schwerverbrecher, im oberen lagen die Wohnungen des Zuchtmeisters und Zuchtknechtes, die Arbeitsstube, die 1798 in eine Glasschleiferei gewandelt wurde, und weitere Kammern für die Züchtlinge. Als später die Sachsen-Meiningischen Zuchthäusler dazu kamen, wurde der Feldwebel von der Veste zur Hilfeleistung im Zuchthaus angewiesen.
Im Jahre 1801 befanden sich zwei Häftlinge "vom Zivil" und 17 Züchtlinge,7 Frauen darunter, in diesem Hause. Mit dem Zuchthaus war eine Besserungsanstalt verbunden, die bei einer Neuordnung 1826 streng von ihm geschieden wurde. Nachdem schon häufiger Geisteskranke in dieser Anstalt Aufnahme gefunden hatten, wurde 1838 ein amtliches Irrenhaus eröffnet, daß zwei Jahre später zehn Insassen zählte, darunter sechs Unheilbare. Die Aufhebung des Zucht und Korrektionshauses auf der Veste erfolgte 1860,gleichzeitig wurde die Landeskranken und Irrenanstalt von der zu neuem Ansehen gelangten Burganlage wegverlegt.

Von nennenswerten Bauten ist bis zum Ende der zweiten Bauperiode nicht mehr zu berichten. Herzog Franz Josias ließ 1756 Arbeiten an der Bastion neben dem Stumpf des Roten Turmes ausführen, wie eine Inschrifttafel 17 FJ 56 über dem Eingang des Haupttunnels zeigt. Der um sein Haus und die Kunstsammlungen der Veste so sehr verdiente Herzog Franz Anton hat in seiner zu kurzen Regierungszeit 1800/06 ebenfalls einige unumgängliche Besserungen ausführen lassen. Die Contre-Escarpe war eingestürzt, die Steine wurden von baufreudigen Einwohnern verschleppt, die morsch gewordenen Pallisaden des Aussenwalles verheizt. Er beschloß die Folgen aus den politischen, militärischen und finanziellen Gegebenheiten seiner Zeit zu ziehen.F.f.


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RE: RE:Veste Coburg

#75 von gerd , 25.06.2016 07:37

Bei Franz Anton wird vor allem der Gedanke mitgespielt haben, die Festung angesichts der französischen militärischen Vormacht bewußt zu entwaffnen, um kriegerische Verwicklungen zu entgehen. So hob er 1802 die Festungsbesatzung förmlich auf und beließ an ihrer Stelle nur eine Invalidenkompanie als eine Art "Wach und Schließgesellschaft". Vorher schon begann er mit der Einebnung des Aussenwalles. Sein Minister von Kretschmann ging noch einen Schritt weiter, indem er den Verkauf aller Festungskanonen zur Verbesserung der traurigen Finanzlage des Landes vorschlug. Der Herzog stimmte zu und empfing 1802 von einen Bamberger Gastwirt und Stadtrat für den Zentner Kanonenmetall je 42 Reichstaler, im ganzen 22470 Taler. Mag dies auch kläglich klingen: dennoch hat gerade Franz Anton in seinen Kindern den europäischen Ruf des Coburger Hauses begründet.
Als neuer Stadt und Festungskommandant folgte dem Herrn von Brandenstein 1804-1829 F. von Boxberg, der aus dem holländischen Heere kam. Als letzter bekleidete diesen Posten der treffliche Soldat Freiherr von Schauroth, der aus preußischen Diensten in das Rheinbund-Regiment der Herzöge von Sachsen getreten war, in Tirol, Spanien und Rußland gekämpft und sich dabei einen offenen Blick erworben hatte. Er nahm die Geschäfte der Festungskommandantur von seinem Wohnsitz in der Stadt wahr und erwies sich als treuer Berater bei der Bewahrung des Vätererbes der Veste. Seine Aufgaben waren fast ganz auf Inspektionen und Revisionen zusammen geschmolzen.
Die Zeit um 1800,die den vollkommenen Tiefstand des Wertes der Veste als einen Waffenplatz brachte, schließt mit dem Bericht des Coburger Chronisten Karche über einen Brand auf der Veste im Jahre 1822,der noch einmal auf eine der heikelsten Schwächen der Festung hinweist: der Mangel an Wasser.
"Früh halb neun Uhr kam auf der Festung zwischen dem Zuchthause (Hohes Haus) und dem Blauen Turm bei der Zisterne, wo 30 Klafter Holz lagen, Feuer aus, das schnell um sich griff. Durch die Tätigkeit der Coburger Einwohner, der Bürgermädchen und Mägde(!),die das Wasser von der Stadt hinauftrugen, wurde das Feuer wieder gedämpft. Da eben viele Wagen (zum Markt) vom Lande in der Stadt waren, ließ der Magistrat diese bespannen und Fässer mit Wasser hinauf zur Veste fahren. Auch wurden auf dem Wege überall kleine Bierküfflein aufgestellt, damit das wassertragen dem weiblichen Geschlechte erleichtert werden möchte. Bei diesem Brande ist der mit Ziegeln gedeckte Wehrgang auf der hohen inneren Ringmauer der Veste, zwischen dem Hohen Hause und dem Blauen Turm, zu Grunde gegangen. F. f.


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RE: RE:Veste Coburg

#76 von gerd , 27.06.2016 07:04

Herzog Franz Anton und seinem Hause wurde übel mitgespielt. Die Franzosen nahmen Besitz vom Lande, Napoleon legte dem Herzogtum Coburg -Saalfeld vom Hauptquartier Naumburg aus am 7. Nov. 1806 eine Kontribution von 885 000 Gulden auf. Am übelsten aber erging es der Veste: sie wurde nach der Schlacht von Jena einfach links liegen gelassen.
Napoleons Steuer war zwar durch den Beitritt des Herzogtums zum Rheinbund auf Grund einer kaiserlichen Verfügung wieder aufgehoben , das Geld jedoch (so schnell wie noch nie seitens der Regierung) herbeigeschafft worden. Minister Kretschmann war zu erfreut über diese riesige Summe. Die Stände verlangten aber die Rückgabe der Kontributionen, besonders nachdrücklich der Landschaftsdeputierte Freiherr von Imhoff auf Hohenstein. Ihn ließ Kretschmann am 9.Januar 1807 "aufheben" und von Soldaten auf die Festung abführen. Nun wurden die an ihren Geldbeuteln betroffenen Bauern des Itzgrundes hellwach , läuteten die Sturmglocken und zogen vor das Haus
des verhaßten Kretschmann, bei der Ehrenburg. Ließen sich
von keinen Aristokraten beruhigen,sprengten das alte Steintor und zogen hinauf zur Veste,um Imhoff zu befreien.
Was also nicht einmal in der Zeit der Bauernkriege hierzulande möglich gewesen war,geschah nun: die Bauernhaufen drohten das-allerdings recht schwach gewordene-Festungstor zu stürmen.Als Imhoff ihnen erklärte,er würde die Veste nicht verlassen, selbst wenn ihnen der Sturm gelänge,wichen sie nicht.Da jedoch das Tor geöffnet wurde,drang keiner in die Veste ein.
Als der greise und beliebte Prinz Franz Josias von Sachsen,der Reichsmarschall,sein Pferd sattelte und auf die Veste ritt,wurden schließlich die aufständischen Bauern zum friedlichen Abzug in ihre Dörfer bewogen....
Herzog Franz Anton überlebte die Beschlagnahme seines Landes nur kurze Zeit.Als er im Jahre 1806 starb,hinterließ er seinem Sohn Ernst I. mehr an Ansprüchen als an Gütern.F.f.


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RE: RE:Veste Coburg

#77 von gerd , 30.06.2016 06:57

Ernst I. war zu dieser Zeit General im Kaiserlich-Russischen Diensten; durch Vermittlung des Kaisers Alexander erhielt er im Tilsiter Frieden sein rechtmäßiges Erbe zurück. Er hatte für die Europa Armee Napoleons die Coburger Kontingente aufzubringen, die in den Feldzügen in Tirol, Spanien und Russland fast 2000 Mann verloren.1813 schloss sich der Herzog den Alliierten gegen den Korsen an, im Mai 1814 lag er schon mit dem V. deutschen Bundes - Korps vor der Festung Mainz. Als er nach dem Fall dieser Festung die ihm eingeräumte Kriegsbeute ansah, dachte er an die fehlende Armierung seiner Veste und beschloss, die Geschütze und Munitionswagen nach Coburg zu schaffen. Aber diese, den Mainzern abgenommenen Kanonen waren eigentlich bayerischer Herkunft, sie wurden noch auf dem Transport, in Hanau und Aschaffenburg, von bayerischen Truppen in Beschlag genommen und trotz aller Proteste nicht wieder herausgegeben. Immerhin erhielt der Herzog als Trost sechs kurfürstlich-sächsische Geschütze älterer Bauart in Mainz, die 1815 zusammen mit vier von einen Coburger Kontingent eroberten französischen Sechzehnpfündern auf der Veste aufgestellt wurden.-Wahrlich eine kümmerliche Bestückung, wenn man an das 16.Jahrhundert denkt, in dem die Artillerie der Veste nach Umfang und Technik ihren höchsten Stand besessen hatte.
Nach den Einebnungsarbeiten an der Nordseite der Veste 1815 wurde von 1827 bis 1838 unter dem Beistand des Freiherrn von Schauroth der vielfach in Trümmern liegende Außenwall mit seinen morschen Pallisaden und der breiten Krone dem umgebenden Erdreich gleichgemacht. Die trostlose und an einen Steinbruch gemahnende Wüstenei verwandelte sich in einen Garten mit Spazierwegen. Die äußere Ringmauer, die bisher durch den starken Erdwall bis an die Zinnen verdeckt gewesen war, trat nun frei hervor.
Doch musste ein Teil des alten Festungs-Grabens stehen gelassen werden, da sonst niemand mehr an das Haupttor hätte gelangen können. So blieb ein den Zugang zur Brücke deckendes Stück ramponierter Mauer erhalten, das an der Contre-Escarpe am Ende der 134 steinernen Treppenstufen beginnt und bis zu dem Fahrweg auf der anderen Seite reicht. Es wurde späterhin von zwei steinernen Schilderhäuschen flankiert, dessen eines die (ungerechtfertigte) Bezeichnung "Tetzel-Kanzel" vom früheren Standort am Steintor her trägt.
Der langsame aber sichere Verfall ging an der Veste weiter. Es war kein Geld vorhanden um grundlegende Wiederherstellungsarbeiten auszuführen. F.f.


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RE: RE:Veste Coburg

#78 von gerd , 03.07.2016 15:24

Auch bei den Beamten war kein Bedürfnis (als für die unbedingt notwendigen Reparaturen) vorhanden. Das Bürgertum brauchte einen Anstoss, sein Augenmerk auf diese kostspieligen und unmittelbar nur wenig einbringenden Arbeiten zu sammeln. Wäre dieser Anstoss nicht durch den Herzog erfolgt, stünde wahrscheinlich heute eine weitere Ruine in unserem Lande da..
Ehe der Herzog 1837 die Mittel für den Beginn der Wiederherstellungsarbeiten an der Veste aus seiner Privatkasse bereitstellte, waren lange Überlegungen und Pläne über die Neugestaltung voran gegangen. Sie reichten bis zum Jahr 1814 zurück. Bei einem Besuch im Dom zu Mainz, lernte Ernst der I. einen Maler kennen, der die Denkmäler dort zeichnete. Es war der aus rheinischer Familie stammende Karl Alexander von Heideloff (1788.1865)
Der Herzog berief den achtundzwanzigjährigen Künstler 1816 nach Coburg, wo er als Architekt für das Schloß Rosenau tätig wurde. Damals entstanden wohl die 26 einfarbigen Zeichnungen der Veste Coburg, die uns eine gute Vorstellung von ihrem Aussehen vor der ersten Wiederherstellung geben. Jeder Darstellung wurde ein mehrfarbiger, streng "gothisch" gehaltener Erneuerungsvorschlag gegenübergestellt. Wären diese Projekte ausgeführt worden, so stünden wir heute resignierend vor einem akademischen Schmuckkasten, einer Laubsäge- Gotik-Veste. Alle diese Ansichten und Entwürfe, von denen kein einziger verwirklicht worden ist, sind 1840 zusammen gebunden worden in einem Album, das sich im Kupferstich-Kabinett der Veste befindet.
1821 schied Heideloff aus den Dienst des Herzogs aus und wandte sich nach Nürnberg, wo er Konservator der städtischen Kunstdenkmäler (bis 1854) wurde.
Heideloff hat nicht ständig die Arbeiten auf der Veste beaufsichtigt, sondern seinen Schüler Carl Görgel bestimmt ,der im vormaligen Pfarrhause der Veste eine eigene Wohnung bezog. Das der Architekt Görgel selbst Pläne für die Wiederherstellung beigesteuert hat, zeigen die Entwürfe für die "gothische" Neugestaltung "der alten Zimmer" im Fürstenbau und der Kemenate ,die in der Plansammlung des Staatsarchivs erhalten sind.
Georg Rothbart erscheint mit einen Bericht zu den Arbeiten damals. " Was der Zahn der Zeit verschont hat, ließ der Schlechte
Geschmack des 17ten und 18ten Jahrhunderts noch vollends verunstalten. Die ehemaligen Prunkzimmer, der Rittersaal wurden der Aufbewahrungsort für alte Gewehre und Geräte. Die schönen Türen des Rosenzimmers wurden zu Zeiten mit Kalk übertüncht, die an historischen Merkwürdigkeiten reiche Waffensammlung lag zerstückelt, vom Rost angefressen in feuchten Gewölben, so daß das Ganze in kurzer Zeit für immer seinen Untergang entgegen zu gehen drohte"...
So wurde denn mit großem Kostenaufwand im Jahre 1837 von dem Architekten Carl Görgel unter der Oberleitung Heideloffs rüstig ans Werk gegangen. Die ehemals glänzenden fürstlichen Zimmer stehen nun wieder in ihrer früheren Pracht da. Der Waffensaal strahlt wieder im Glanze vieler hunderter von Waffenstücken aller Zeiten besonders alter Rüstungen, die in einem Gewölbe der Veste aufgefunden wurden. Das Ganze ist bis auf die noch im Bau begriffene Kirche vollendet".F.f.


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RE: RE:Veste Coburg

#79 von gerd , 05.07.2016 12:15

Auch dieser Abschlußbericht bestätigt, daß "unter Heideloff" nur Innenräume restauriert worden sind. Sein Name taucht nach 1844 in den Akten nicht mehr auf, seine Zusammenarbeit mit dem Herzog Ernst I. hat mit des Fürsten Tod im Januar 1844 ein Ende gefunden, ohne daß es zu größeren Änderungen an der Außengestalt der Burgbauten gekommen ist. Mit dem Tode Görgels 1846 war die erste Phase der bescheidenen Restaurierung abgeschlossen.-Dennoch bürdet man Heideloff-Görgel bis heute die Verantwortung für die meist wenig erfreulichen Ergebnisse des ganzen Bauabschnittes bis 1860 auf. So sagt O. Doehring: "Der Gedanke Heideloffs war an sich großartig, gleich den Entwürfen, die er schuf. Leider aber hat er ohne genügende Rücksicht auf den historischen Wert der erhaltenen Teile und Reste vieles vernichtet, was der Forschung und Würdigung förderlich und nützlich wäre. Die Heideloffschen Pläne trugen den Charakter dessen, was man sich damals mißverständlich und unter dem Einflusse unklarer romantischer Ideen unter Gotik vorstellte. Überall wurden überflüssige Kreuzblumen und Maßwerke, regelmäßige Zinnen hinzugefügt. Die Zwiebeltürme der Renaissance verschwanden durchweg. Ebenso die gedeckte Batterie, an deren Stelle später die Terrasse der ehemaligen Wirtschaft entstand. Dem Verfall aber bekämpfte Heideloff nur wenig und oberflächlich".
An diesem Urteil, an dem bis heute im wesentlichen festgehalten wird (so W. Foehl 1955!)...ist fast alles unzutreffend, weil es von falschen Voraussetzungen ausgeht. Es trifft zu, daß Heideloff-wahrscheinlich in und nach seiner Coburger Zeit-Pläne für den Umbau der Veste entworfen hat. Vergleicht man sie mit den in der Jahrhundertmitte tatsächlich ausgeführten Bauten, so wird sofort klar, daß keines seiner konsequenten Vorhaben (Bergfried auf der Hohen Bastei, palasähnliche Bauten im Westhof, Umwandlung des Hohen Hauses) verwirklicht worden ist. An historisch wertvolle Gebäude hat Heideloff keine zerstörende Hand angelegt.F.f.

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RE: RE:Veste Coburg

#80 von Stammbus , 05.07.2016 21:28

Da stellt sich bei mir wieder mal die Frage, wer verantwortlich ist/war: Der Architekt oder der Bauherr.

Und ob Einschätzungen aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts objektiv sind, oder nicht vielmehr die Rolle von C.E. bei der Veste-Renovierung im frühen 20. Jahrhundert in ein besseres Licht rücken sollen.

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